Wer glaubt wird seelig

An Erfolg glauben die meisten Menschen. Das Volk läßt sich auch gern von seinen Politikern umschmeicheln, wenn diese ihre Sonntagsreden halten. Optimismus verordnet die neue Bundesregierung bei jedem Fernsehauftritt ihrer Vertreter. Deutschland strotzt vor Chancen, buchstabiert die Kanzlerin ins Mikrofon. Wirtschaftswachstum prognostizieren die Institute, und Wirtschaftswachstum wird es geben, wenn die Bürger und Bürgerinnen ihr Herz für Leistung endlich öffnen und mitmachen. Vor allem bei den anberaumten Reformen und den Verhaltensanweisungen der Industrieverbände und einschlägigen Nationalökonomen. Der Glaube schafft Arbeitsplätze, sichert Wohlstand und spendet Trost – auch wenn die Wirklichkeit anderes lehrt.

Wie Glaube Berge versetzt, hat die IT-Branche vor wenigen Jahren unter Beweis gestellt. Mutige Newcomer haben den glaubensorientierten Optimismus sehr gekonnt eingesetzt, um sich zur Galionsfigur des Fortschritts und der Innovation zu erheben. Große Teile der Bevölkerung standen im Bann der New Economy und haben großzügig Teile ihres Gehalts in Aktien investiert, die bei nüchterner Betrachtung nicht einmal die Bezeichnung Wagniskapital verdienten. Aber auch ehrwürdige Konzerne wie die Deutsche Telekom versprühten plötzlich eine Aura des „Alles ist Machbar“, so daß selbst bei konservativen Anlegern die Dämme brachen. Professionelle Marketingstrategen haben die Gunst der Stunde erkannt und die Sache in die Hand genommen. Dem Verkauf von Kühlschränken nach Grönland stand nichts mehr im Wege.

Es ist ein in der Natur des Menschen eingemeißelter Wesenszug, analysiert Martin Urban in seinem jüngsten Buch „Warum der Mensch glaubt. Von der Suche nach dem Sinn.“ Der ehemalige Leiter des Wissenschaftsressorts der „Süddeutschen Zeitung“ folgt den Hirnforschern, die in der Natur des menschlichen Denkorgans den Think Tank zur Weltdeutung sehen. Die evolutionsbedingte Verankerung des Glaubens im Stammhirn des Menschen liegt an der Tatsache, daß der Mensch gleich nach der Abspaltung vom Ahnherrn Affen nach Ursachen all der erstaunlichen (und gefährlichen) Naturphänomene um ihn herum sucht. Er betätigt also seinen Verstand, den er im Laufe der Jahrtausende immer besser zu nutzen versteht. Soweit leuchten die Ausführungen von Martin Urban ein. Was stutzig macht, ist der Gedanke, daß damit der Glaube als Antwort auf das Deutungsbedürfnis für immer und ewig im Bewußtsein der Menschheit seinen Platz gefunden hat.

Schon jeder antike Denker belegt, daß die Ursachenforschung ganz andere Wege nehmen kann. Die Verstandesbetätigung der Mathematiker hat zu beweisbaren Sätzen geführt. In der Folge haben Naturforscher Schritt für Schritt Erkenntnisse auf den Tisch gelegt, die zu einem aufgeklärten Naturbild geführt haben. Selbst wenn die Newtonsche Mechanik im heute zugänglichen Nanokosmos wegen der Quanteneffekte nicht gilt, ändert das nichts an deren Geltung im praktischen Umfeld der greifbaren Welt. Der Verstand ist durchaus in der Lage, zwischen Einbildung und Wirklichkeit zu unterscheiden und tut das ja ständig.

So gesehen lichtet sich das Rätsel um den Glauben im aufgeklärten Heute zumindest in einer Hinsicht. Während die Frage nach Gründen eine weitverzweigte Wissenslandschaft mit zum Teil sehr praktischen Kenntnissen über Physik, Biologie, Chemie hervorgebracht hat, nutzen weniger wissenschaftsinteressierte Menschen ihren Verstand offenbar auch dazu, nach letzten Gründen und dem Sinn von allem Ausschau zu halten. Die Popularität des Unfaßbaren nimmt seinen Lauf und endet in jenen biblischen Bildern, die verheißungsvoll und nicht unmodern der Leere ein Sein zur Seite stellen. Für diesen Trost scheinen auch moderne Menschen im Hier und Jetzt anfällig zu sein.

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Kommentare

  • mp  On 15. Januar 2011 at 10:10

    Trifft das auch auf heute zu?

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