Category Archives: Ökonomie

Algorithmic Trading – Wenn die Computer den Börsenkurs austricksen

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16.04.2013  –  Mehr als 40 Prozent aller Börsentransaktionen in Deutschland laufen über die Computer von Hochfrequenzhändlern – Tendenz steigend. Mit dem automatisierten Wertpapierhandel wächst die Gefahr unerwarteter Kursausschläge und kaum nachvollziehbarer Kursmanipulationen. Strengere Regularien der Handelsplattformen sollen den Missbrauch eindämmen.

Den Tag dürfte Thomas Joyce, Chef der Wall-Street-Firma Knight Capital, so schnell nicht vergessen: Am 1. August diesen Jahres verzeichnete der US-Börsendienstleister innerhalb von 45 Minuten einen Verlust von 440 Millionen US-Dollar. Am Tag zuvor hatten Softwarespezialisten ein neues Handelsprogramm installiert. Die Computersoftware lancierte an der New Yorker Börse automatisch Aktienorder in Milliardenhöhe ohne Kaufpreis und Werthaltigkeit der Papiere zu prüfen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Computerprogramme verrückt spielen und das Börsengeschehen beeinflussen. Auf allen wichtigen Handelsplätzen weltweit agieren Wertpapierhändler, die ihre Kauf- und Verkauforders algorithmisch berechnen und möglichst verzögerungsfrei in die Börsensysteme einspeisen. Die Akteure sind Mitarbeiter von Hedgefonds und Investmentbanken wie Goldmann Sachs, Merrill Lynch, UBS oder Deutsche Bank sowie mehrere an den Börsenplätzen akkreditierte Händler kleinerer Häuser.

Während die herkömmliche Computerbörse lediglich passende Kauf- und Verkaufsorder verknüpft und damit den Anweisungen des Parketts folgt, geht es beim algorithmisch berechneten Trading um automatisierte Entscheidungsprozesse. Es gibt keinen Händler mehr, der eingreift.

Und es geht um Geschwindigkeit. Eine auf Schnelligkeit programmierte Software löst im so genannten High Frequency Trading (HFT) 40 000 Kauf- und Verkaufsangebote pro Sekunde aus. Der Rekord solcher sogenannten Quotes liegt derzeit nach Angaben von Joachim Nagel, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, bei 47.138 Orders in einer Sekunde – ein HFT-Computer hat das bei der US-Aktie PSS World Medical im April diesen Jahres geschafft.

Schnelle Netze, schneller Gewinn

Durch das Hochtakten der Handelsplattformen beschleunigt sich das Börsengeschehen um ein Vielfaches. In Bruchteilen von Sekunden analysieren die Computeralgorithmen große Mengen an Daten und initiieren Kauf oder Verkauf eines Assets. Ziel des Algorithmic Trading ist das Aufspüren kleinster Kursdifferenzen, um durch schnelle Orderausführung mit geringen Transaktionskosten Arbitrage-Gewinne zu realisieren.

Nach Auskunft von Nagel hat die HFT-Branche Aufwind, denn es rechnet sich. Beispielsweise sollen über ein neues Atlantikkabel zwischen London und Halifax im kommenden Jahr ausschließlich Finanzdaten und Kursinformationen fließen. Die Transaktionszeit über den 6.000 Kilometer langen Weg beträgt 59 Millisekunden – das sind sechs Millisekunden weniger als über die bisherigen Kontinentleitungen. Trotz immenser Projektkosten von 300 Millionen US-Dollar und deutlich höheren Kabelgebühren beschert die niedrigere Netzlatenz den High-Frequency-Tradern neues Renditepotential: „Laut Schätzungen in der HFT-Branche generiert jede Millisekunde, um die ein großer HFT-Akteur schneller ist als seine Konkurrenz, pro Jahr mehrere Dutzend Millionen US-Dollar zusätzlichen Gewinn“, sagt Nagel auf der diesjährigen TradeTech DACH Konferenz in Frankfurt.

Marktverzerrung durch Millisekunden-Takt

Welche Gefahren für die korrekte Orderabwicklung von Algo-Tradern auf den Handelsplätzen ausgehen, darüber sind sich Fachleute indes nicht einig. Kritik kommt von Aufsichtsbehörden ebenso, wie von Marktbeobachtern, die eine zunehmende Marktverzerrung durch marktschädigende HFT-Strategien befürchten. Börsenanalyst Dirk Müller hält den Hochfrequenzhandel für eine überflüssige Erfindung der Neuzeit, denn „mit dieser Geschwindigkeit kann kein Mensch mithalten.“

Ins selbe Horn stößt auch Vermögensverwalter Georg von Wallwitz. Nach seinen Beobachtungen verdienen nur wenige Großhändler an den Börsenaktivitäten im Hochgeschwindigkeitsnetz: „Das ist Zockerei“, sagt von Wallwitz. Vor allem kritisiert der Geldexperte, dass bei automatisierten Entscheidungen im Millisekundenbereich keinerlei Einzelbewertung fundamentaler Daten der gehandelten Wertpapiere einfließen.

Bundesbanker Joachim Nagel geht davon aus, dass der Geschwindigkeitsvorteil algorithmisch veranlasster Handelsaktivitäten durchaus zu mehr Markteffizienz führen kann, sieht aber ebenso Nachteile: „In sehr volatilen Marktsituationen kann der Hochgeschwindigkeitshandel auch destabilisierend wirken“, warnt Nagel. Einziger Ausweg: Mehr Transparenz und neue Regeln im elektronischen Wertpapierhandel.

Vor allem exzessive Kursschwankungen, wie der so genannte Flash Crash im Mai 2010, entfacht immer neue Kritik am elektronischen Wellenreiten der High-tech-Händler. Damals sackte der Dow Jones innerhalb einer halben Stunde ohne Vorwarnung um 1000 Punkte ab. Finanzmarktexperten beschuldigten daraufhin Computerhändler des Investmentfonds Waddell & Reed Financial, durch sekundenschnelle Verkäufe großer Wertvolumina den Kurssturz mit ausgelöst zu haben.

Mehr Transparenz im ALgo-Trading

Seitdem herrscht Misstrauen bei Börsenaufsicht und Regulierer gegenüber den Renditejägern der HFT-Branche. Hintergrund für marktschädigende Einflüsse ist die sogenannte Quote Stuffing-Taktik, die von einigen HFT-Algorithmen verwendet wird. HFT-Händler versuchen durch eine große Zahl an Ordern, die sofort wieder anulliert werden, Kursbewegungen für ihr Arbitragegeschäft in Gang zu bringen. Die Scheinangebote erhöhen zwar die Marktliquidität spiegeln aber kein reales Handelsvolumen wieder.

Neue Gesetzesinitiativen, die eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte ins Auge fassen, betreffen deshalb auch neue Standards für den Hochgeschwindigkeitshandel. So könnte eine längere Mindesthaltefrist für Börsenaufträge bei großvolumigen Quotes das sekundenschnelle Hin- und Herschieben von Wertpapieren unterbinden. Einen Schritt weiter gehen so genannte Circuit-Breaker, die den Handel in einem bestimmten Asset unterbrechen, falls die Kursschwankungen einen bestimmten Wert übersteigen. Mehr Transparenz könnten auch Trader-IDs schaffen, die jeder Marktorder zugeordnet sind und Aufschluß über die Händlerstrategie geben.

Ungeachtet drohender Regulierungen investiert die HFT-Branche weiter in den Elektronikhandel. Tony Verga, CEO des US-Providers HFT Technologies, setzt auf immer kürzere Latenzzeiten: „Wir haben erstmals zwei neue Appplikationen entwickelt, die alle Handelsoperationen unterhalb der Zehn-Millisekunden-Grenze ausführen“, unterstreicht Verga. In Zukunft erwarten HFT-Trader noch weitere Optimierungssprünge in Richtung Picosekunden-Übertragung. Vor allem wenn sie ihre Rechner gleich neben die so genannten Matching Engines in den Rechenzentren der Börsen platzieren dürfen.

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FAQ Krise (7) – Volatil bis zur Halskrause

26.11.2012 – Der Fortschritt im europäischen Krisengeschehen offenbart Einblicke ins EU-Getriebe und die Positionen der beteiligten Staaten. Alle sind glühende Europäer, verfolgen aber rigoros ihre nationalen Interessen. Was geht ab auf dem Finanzparkett und warum vermehren sich eigentlich immerzu die Schulden. Hier die Zusammenfassung von FAQs unter dem Eindruck divergierender Machtkonstellationen.

Es gibt viele Mutmaßungen, wer oder was die Krise ausgelöst hat. Ein Glaubenssatz hält sich bis heute in den Talkshows und Zeitungskommentaren: Gierige Bank-Trader haben immer riskantere Finanzprodukte geschnürt und damit die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Sind Banker auch die Totengräber des Euro?

Nicht wirklich. Banker mögen gierig nach Geld sein, auf jeden Fall sind sie phantasie- und trickreich in punkto Geldvermehrung. Diesen Auftrag übernehmen sie, das ist ihr Job und jeder erwartet, dass sie den gut machen. Niemand will Geld verlieren. Das wäre auch der Zusammenbruch der Marktwirtschaft. Jedem Angebot fehlt der Stachel, jeder Verkauf wird überflüssig. Ohne Rendite bewegen sich nur sehr wenige Rädchen. Selbst wirtschaftsferne Idealisten bekommen zu spüren, dass brachliegendes Geld nutzlos ist und unterm Kopfkissen immer wertloser wird. Ordentliche Geschäfte brauchen Kredit und ohne Hypothekendarlehen gibt es keine Häuslebauer. Auch Künstler oder ein Symphonieorchester benötigen Geldgeber, um ihre Kunst ausüben zu können. Mit fällt überhaupt kein Lebenszusammenhang ein, der da rausfällt. Selbst das Verliebtsein in ideelle Werte setzt den Zwang zum Gelderwerb nicht außer Vollzug. Making Money ist angesagt, sonst fällt man als Looser unangenehm auf. Die Bankenrettung aus der Anfangsphase der Krise und die fortlaufende Stützung der Institute unterstreicht ja die grundsätzliche Bedeutung der Geld- und Kreditwirtschaft für den Fortbestand des Gemeinwesens. Insofern sind Banken kein Bestattungsunternehmen.

Aber Banken oder deren Zweckgesellschaften akkumulieren doch letztlich die Schulden bis hin zur Zahlungsunfähigkeit …

Wenn Trader, die ihrem Arbeitgeber ein paar Milliarden Verlust eingebracht haben aus dem Verkehr gezogen werden, ist das wirklich nicht das Ende der Krise. Intensive Geldschiebereien sind eigentlich nur die Begleiterscheinung, die allenfalls zeigt, welche Summen für Arbitragegeschäfte mobilisiert werden. Im High-Frequency-Trading lässt sich das sogar auf Computer mit dafür geeigneten Algorithmen übertragen. Schwächeln die Geschäfte und fallen die Kurse fangen Banker an gegen den Euro zu spekulieren. Fallende Kurse lassen sich eben auch zu Geld machen. Allerdings beruht das dann auf Misstrauen gegenüber der Währung und der Vertrauensverlust entsteht nicht aus dem Nichts. Das macht die Sache so kompliziert. Es sind tatsächlich die Banken, die ihre vermehrungswirksamen Euro-Geschäfte an einen Punkt getrieben haben, der Misstrauen hervorruft: Es zirkulieren Berge von Wertpapieren und Finanzkontrakten, die zusammengenommen die tatsächlich vorhandenen Vermögenswerte um ein vielfaches übersteigen. Letztendlich sind solche Finanzaktiva nur behaupteter Reichtum, ihrem Gehalt nach aber nur Versprechen auf Gewinn oder – im Fall verbriefter Hypotheken – forderungsbesicherte Schulden.

Das aber ist doch genau die Grube, in die das Finanzgewerbe selbst stolpert, wenn sie ihre Geschäfte mit allerlei Verbriefungstechniken ständig erweitern und letztlich nur noch heisse Luft verkaufen oder in ihren Büchern als Aktiva bilanzieren.

Heisse Luft ist in dem Geschäft immer dabei. Da können Gerüchte die Kurse in Bewegung bringen, ein Branchenpromi macht Andeutungen in einem Interview oder Regierungsverantwortliche denken laut nach. Das alles löst Kurs- und damit Wertschwankungen aus. Man müsste jetzt etwas tiefer in die ökonomischen Zusammenhänge einsteigen und klären, wie Geldschöpfung aus sich heraus funktioniert und Schulden als Hebel für die Geldvermehrung eingesetzt werden. Auf jeden Fall will jeder, der im Geldhandel unterwegs ist seinen Schnitt machen, dafür kriegen Banker ihr Gehalt und auch die Boni für besonders gelungene Abschlüsse. Die Frage bleibt, warum aus diesen Geldgeschäften weltweit Schulden in Billionenhöhe entstehen. Das liegt sicher nicht an ein paar entgleisten Bankmanagern, die strukturierte Finanzprodukte betrügerisch am Markt plaziert haben.

Die Schadensbilanzen von Madoff & Co summieren sich schnell mal auf zig Milliarden …

Natürlich spiegeln sich Verluste irgendwann in den Bilanzen wieder. Was in den Bücher steht hat aber mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Erst einmal machen Finanzmanager Geschäfte mit handelbaren Produkten und zwar so lange wie sie Käufer dafür finden. Einmal direkt im Auftrag ihrer Anleger sodann auch als Anbieter strukturierter Finanzprodukte aller Art sowie im Kreditgeschäft. Auf dieser Basis erweitern sie ihr Geschäft, ziehen selbst Kredit, um damit vielversprechende Geschäfte am Kapitalmarkt zu finanzieren oder sich zu refinanzieren. Wenn die Madoffs daraus eine persönliche Bereicherungsmaschine machen und jahrelang per Schneeballsystem Anleger reinlegen ist das ein dreister Regelverstoß. Bei Madoff summierten sich zum Zeitpunkt seiner Verhaftung die verzockten Geldsummen auf rund 50 Milliarden Euro. Es ist natürlich die Höhe des veruntreuten Geldes, was den Mann zu Fall brachte. Ohne Finanzkrise würde das Madoffsche Geldkarussell einfach weiterdrehen. Was ist aber, wenn ein Hedgefondsmanager in einer Woche aus einer Million fünzig Millionen macht, alles ganz legal abwickelt und seine zehn Prozent einbehält? Da haben auch einige schwer verloren. Aus Sicht der Ökonomen ist hier aber ein sehr effizientes Finanzgeschäft über die Bühne gegangen, riskant vielleicht, aber erfolgreich im Ergebnis.

FAQ Krise (6) – Hart gekocht, weich gespült

Flag of Maastricht

13.10.2012 – Kaum ein Tag vergeht an dem nicht neue Krisennachrichten die Runde machen. Ob der jetzt gestartete Stabilitätsmechanismus tatsächlich die internationale Finanzwelt durch seine schiere Größe beeindruckt sei dahingestellt. Ob es sich um das letzte Aufgebot oder einen Feuerlöscher mit Zuschalthebel handelt lässt sich schwer beantworten – jedenfalls ist das nicht Gegenstand des folgenden Gesprächs.

Rettungsschirm klingt beruhigend, ebenso versichern die ESM-Verantwortlichen, dass jetzt der Starke dem Schwachen die Hand reicht. Sind solche Metaphern eigentlich realistisch?

Nein, natürlich nicht. Es ist bekannt und wer will kann es überall nachlesen, daß die Krisenbewältigung in den EU-Staaten von deren Bevölkerung einen hohen Preis einfordert. Blickt man auf die Brennpunkte in Griechenland oder Spanien ist ein Verarmungsprogramm unterwegs, das dramatische Züge annimmt. Auch in den noch erfolgreichen EU-Staaten wird seit langem an der Einkommensschraube gedreht, um Produktivität und Wettbewerbskraft hoch zuhalten. Wohnungsnot und Altersarmut wird debattiert, der Niedriglohnsektor erfährt eine personelle Aufstockung ungeahnten Ausmaßes. Gleichzeitig stellen die Euro-Partner einen riesigen Geldsack hin und laden alle notleidenden Staaten ein, sich unter bestimmten Auflagen zu bedienen. Schon diese Tatsache lässt aufhorchen. Seltsamerweise schrecken die finanzschwachen Staaten vor einem Zugriff zurück, obwohl sie das Geld dringend gebrauchen könnten – ihre Bevölkerung übrigens auch, doch die marschiert in wachsenden Teilen geradewegs in die Verarmung.

Woran liegt das?

Das Öffnen der Geldschleusen ist nicht so gemeint, dass jeder kriegt, was er braucht. Nicht einmal die von Einnahme- und Zahlungsnot bedrohten Staaten. Im September beschloss der EZB-Rat ein Anleihekaufprogramm das praktisch keine Obergrenzen kennt, aber dem betroffenen Staat jede Menge Auflagen beschert. Zwar kauft die Zentralbank auch marode Staatspapiere – und erhöht damit die zirkulierende Geldmenge um eben diesen Betrag – schreibt aber dem Schuldner vor, wie er mit dem Geld zu wirtschaften hat. Das ist einerseits ein massiver Eingriff in die Haushaltssouveränität der Staaten, bedeutet aber auch in anderer Hinsicht nichts Gutes. Es regnet Geld und gleichzeitig beginnen in Athen und anderswo die Menschen geldfrei zu tauschen, um überhaupt noch an was ran zu kommen. Ganz offensichtlich zielt der freigesetzte Kredit auf etwas ganz anderes als Notlagen von der Bevölkerung abzuhalten. Die nimmt man ja geradezu in Kauf.

Das kann man aber auch ganz anders sehen, nämlich als Anstoß zur Haushaltssanierung und Wiederherstellung der nationalen Wettbewerbskraft …

Das sind die großen Überschriften, die ebenfalls so nett und vor allem einleuchtend klingen, hinter denen aber nichts anderes steckt, als der politische Wille zur gnadenlosen Durchsetzung der Gemeinschaftswährung. Zumindest sieht es im Moment so aus, als ob die führenden EU-Staaten nochmals den Versuch starten alle Euro-Verbindlichkeiten irgendwie in Kraft zu lassen also keinen Schuldenschnitt durchzuführen. Eine Gemeinschaftswährung hart wie Krupp-Stahl gewissermaßen. Das heißt freilich, dass Finanzhilfen an eben diese Bedingung geknüpft sind. EZB-Geld steht nicht frei zur Verfügung sondern steht unter dem Vorbehalt der Kontrolle. Der Geldfluss ist an ein Erfolgskriterium gebunden. Man kann das als Durchsetzung der Maastricht-Regeln – Defizitquote des Staatshaushalts von höchstens drei Prozent und Schuldenquote unterhalb 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – ansehen, aber das bekommt derzeit ohnehin keiner hin. Was bleibt ist trotz massiver Finanzkrise die Einschwörung auf die Maastricht-Kriterien aller Euro-Staaten. Den meisten Staaten steht allerdings das Wasser bis zum Hals und das liegt sicherlich nicht an Strandparty und mediterranem Schlendrian.

Trotzdem hängt von einer stabilen Euro-Währung doch einiges ab. Lohnt sich für die EU-Staaten das Festhalten am Euro nicht mehr?

Witzigerweise sind es ja die Finanzmärkte, die gegen den Euro spekulieren und das Vertrauen in diese Währung in Frage stellen. Deshalb wird auch diesem Klientel der rote Teppich ausgerollt. Selbstverständlich nimmt jeder Politiker, Wirtschaftskolumnist oder Fernsehmoderator die Geldsorgen der Normalverdiener und die Existenzbedrohung weiter Bevölkerungskreise zur Kenntnis. Aber daran ändern lässt sich leider nichts. Jedenfalls nicht jetzt, während all die Maßnahmen zur Krisenbewältigung in Gang gesetzt werden und systemische Fragen der erfolgreichen Kreditbewirtschaftung auf der Agenda stehen. Wie lässt sich das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen und neues Kapital anlocken, darüber zerbrechen sich Finanzminister den Kopf. Anders gesagt: Wie kann man den Euro wieder zum attraktiven Geschäftsobjekt machen. Um die Finanzmärkte zu beruhigen, lassen die Euro-Partner ihre gewaltigen Programme vom Stapel in der Hoffnung, dass sich potente Geldbesitzer beeindrucken lassen und wieder vermehrt in Anleihen engagieren und darüber die Refinanzierungskosten der Staatskassen sinken.

Und was ist mit Otto Normalverbraucher?

Der kommt in diesem Geschehen als Steuerzahler und Arbeitskraft vor. Mitunter erfährt er eine gewisse Wertschätzung als Familiengründer, Kaufkraft oder Wähler. Das klingt nach viel, könnte man meinen, aber so richtig berauschend ist das alles nicht, auch wenn der Steuerzahler ja gerne zum eigentlichen Subjekt all der Maßnahmen stilisiert wird. Man erinnert in aller Bescheidenheit gern daran, dass die staatlichen Soforthilfen und Milliardenbürgschaften zur Euro-Rettung letztlich Steuergelder sind. Folglich ist der Steuerzahler eigentlich der Geldgeber …

Der zahlt ja auch die Zeche …

Na ja, er leistet seinen Beitrag zum Erfolg des großen Ganzen. Man könnte auch sagen, er zockt mit am Leistungserfolg seiner Nation. Allerdings nicht ganz freiwillig. Wer seine Abgaben dem Finanzamt vorenthält bekommt Ärger, notfalls bis zum Gerichtsvollzieher. Außerdem gibt es praktisch nichts, was nicht mit irgendeiner Steuerart belegt wäre. Ich will damit sagen, Steuerboykott wegen falscher Ausgabenpolitik lässt die öffentliche Hand nicht durchgehen. Der Steuerzahler ist so ein allgemeines, blutleeres Subjekt wie das Geld, das er abdrückt oder die Spekulationsgeschäfte, die Banken damit machen. Trotzdem dreht sich alles um diese abstrakten Protagonisten.

In Sorge um die Seele

A segment of a social network

Auf der Suche nach dem richtigen Klebstoff

24.07.2012 – Religion, Glaube und Kirche erhalten derzeit neuen Treibstoff nachdem so hässliche Vorkommnisse, wie priesterliche Knabenliebe und Sex statt Religionsunterricht in den Hintergrund gerückt sind. Kein geringerer als Jürgen Habermas und der Regensburger Erzbischof Gerhard Ludwig Müller legen Stroh ins Feuer und schaffen es in der Presse auf die vorderen Seiten. Der Personalie Müller – er rückt zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Glaubenskongregation der päpstlichen Kurie zu Rom auf – ist zu entnehmen, dass mit einem strengeren Durchgreifen hinsichtlich Kirchenräson, Abweichlern und Glaubensauslegung zu rechnen ist. Bei dem Frankfurter Kommunikationstheoretiker geht es mehr um die Grenzen des liberalen Staates und dessen Bedrohung durch allerlei Anfechtungen aus den Kraftzentren der Gesellschaft, namentlich die individualistische Auflösung des Gemeinwesens und die Vorherrschaft von Wirtschaftsinteressen. Religion, so die Überlegungen des Altbarden verschachtelten Denkens, könnte dem zerstörerischen Auseinanderstreben der Gemeinschaft Einhalt gebieten und Zusammenhalt stiften..

Dem Glaubenspräfekt Müller wird das gefallen, allerdings befindet er sich ebenfalls in Sorge angesichts der doch zahlreichen Herausforderungen in der säkularen Welt, angefangen bei der Krise Europas über Friedensgefahren, Gefährdung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte, bis zu ethischen Fragen, die der wissenschaftliche Fortschritt – Stichwort Stammzellenforschung – regelmäßig auftischt. Angesichts seiner Amtseinführung hat er ein bißchen den Teppich gehoben und gibt Einblick in die Sichtweise der Amtskirche. Im Kern sind alle Schieflagen nämlich ganz einfach zu begradigen: Gott höchstpersönlich hat die Richtlinienkompetenz, seine Kinder haben dem zu folgen.

Und das soll sich lohnen? Aber natürlich. Der Gehorsam ist nunmal nötig, da der Mensch nicht nur aus Religion besteht, sondern von seinem Schöpfer mit zahlreichen Eigenarten ausgestattet wurde, die dem gottgleichen Ebenbild entgegenstehen. Er ist Erdenwurm, der seinen Verstand nutzt, um sein Leben zu gestalten und dabei auch Einflüsterungen von bösen Mächte unterliegt. Das geht nun schon seit ein paar tausend Jahren so. Kein Wunder, dass Teile der Bevölkerung vom rechten Weg abkommen und mit atheistischen und säkularistischen Lebenskonzeptionen sowie rein innerweltlichen Lebenszielen die universelle Macht Gottes zurückdrängen.

Diese Gruppe der Sünder sind kein Hassobjekt der Kirche. Nach christlicher Lesart steckt nämlich ein bißchen Religion in jeder Meneschenseele. Das liegt einfach, dank göttlicher Formgebung, in der menschlichen Natur und manifestiert sich in vielen weltlichen Idealen und Glaubensäußerungen. Doch ohne den katholischen Ordnungsrahmen verflüchtigt sich die religöse Substanz in Zeitgeistmoden oder inkompetenten Heilslehren. Evangelium und Bibel, so schlussfolgert Müller ohne mit der Wimper zu zucken, sind das Absperrseil der Gesellschaft gegen Chaos, Krise und Leid in dieser Welt. Gott ist die konstitutive Macht, die alles zusammenhält und einer individualisierenden Gemeinschaft wieder Halt gibt – sofern man daran glaubt.

Dieses Heilsversprechen erscheint dem Frankfurter Soziologen Habermas immer plausibler. Vernunft hin, Wissenschaft her, es muss doch etwas geben, was den auseinanderdriftenden Gesellschaftsteilen genügend Klebstoff bietet. Der Staat, so kommt es dem Interaktionstheoretiker vor, verliert im Ringen um Solidarität und gesellschaftlichen Konsens immer mehr an Boden und die Wissenschaft kann ihren Heilsanspruch – er meint wohl das Wissen wo es langgeht – nicht einlösen. Zu viele Fragen lassen sich mit wissenschaftlichen Methoden verbindlich nicht beantworten. Ohne Antworten keine Kommunikation, ohne Kommunikation kein Konsens.

Für Habermas steht schon lange fest, dass vernünftiges Denken, wenn es denn gesellschaftswirksam sein will – und wer will das nicht – dem Potential religiösen Denkens zuwenden soll. Die alten Metaphysiker schwärmen vom guten Leben im Garten Eden. Warum soll man diese inspirierende Kraft nicht hier und heute nutzbar machen, zumal sich das moderne Denken vom uralten Heilsversprechen nach Erlösung abgekoppelt hat. Zugleich erschließt sich eine Kraftquelle, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder einrenken könnte und sogar den Weg in Richtung einer künftigen Weltgesellschaft ebnet. In der Phantasie eines religiös entflammten Sozialphilosophen ist alles möglich. Mit einer Ausnahme: Grundlegende Rechtssysteme gehören in die Hände des Staates. Daran beisst sich auch die göttliche Vorsehung die Zähne aus.

Krise im Dialog – Macht und Geld (5)

 

21.02.2012 – Es findet auf offener Bühne statt, trotzdem bleibt vieles  an dem Endlosstück Krise zweideutig. Im Caféhaus-Gespräch findet die Frage, wie lässt sich der Euro noch retten, kaum Beachtung. Dafür belebt sich die Diskussion bei den Stichworten Geld und Macht. Hier die dialogische Zusammenfassung, die zeigt, dass der Krisenverlauf dieses alte Thema mit neuen Aspekten befeuert.

Es gibt die Auffassung, dass der staatliche Souverän nicht dem Diktat von Banken und Industrie unterliegt, auch nicht im Krisenfall. Gleichwohl liegt ihm sehr viel daran, dass Wachstum und Geldvermehrung stattfinden, also die rechtlichen Voraussetzungen für alle wirtschaftlichen Aktivitäten gegeben sind und – siehe Rettungsschirme – einiges dafür unternimmt, dass die Euro-Wirtschaft funktionsfähig bleibt. Ist Geld die materialisierte Macht?

Es soll Ökonomen geben, die im Geld nichts anderes sehen, als ein Tausch- und Schmiermittel für den Handel und die Produktion. Die Finanzmärkte sind aus dieser Sicht Vermittler von Geld, das sie sowohl einsammeln und verwalten als auch ausgeben, um nach einer bestimmten Zeit vermehrt zurückzubekommen. EZB und Nationalbanken versorgen dieses Treiben mit den notwendigen Kreditgeldern und bilden zusammen mit den privaten Banken eine Art Geldbeschaffungssystem, das nach festen Regeln läuft und letztlich der Refinanzierung von Geschäften aller Art dient. Das kann man als harmonisches Hin und Her sehen, als vorbildhafte Marktwirtschaft zum Wohle aller. Genauer betrachtet aber steckt im Geld ganz andere Sprengkraft als landläufig kolportiert. Das Tauschmittel der Anfangsjahre hat zu seiner vermittelnden Eigenschaft noch ganz andere Qualitäten hinzugewonnen mit vielfältigen Neben- und Hebelwirkungen. Das Beispiel Griechenland zeigt eine Abhängigkeit vom Finanzmarkt und dem dort gehandelten Schmierstoff, die sogar einen ausgereiften Rechtsstaat in den Bankrott treiben kann. Offenbar beinhaltet Geld sehr viel Macht über Land und Leute. Wer darüber nicht verfügt, bekommt ein Problem. Unter bestimmten Umständen – siehe Griechenland – reicht das, um staatlichen Handlungsspielraum einzuschränken und eine intakte Gesellschaft in Armut und Verzweifelung zu stürzen.

Sie lassen aber kein gutes Haar in der Suppe. Eine Geldwirtschaft hat doch sehr viele positive Seiten, denken Sie an gut gefüllte Kaufhäuser, Autos, Haus- und Straßenbau oder Sportveranstaltungen. Es herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass der Kapitalismus das Fundament für Wohlstand ist …

Es ist sehr verwunderlich, dass Scheine und Münzen mit denen man seine Miete bezahlt oder die Brötchen kauft ein existenzbedrohliches Potential beinhalten. Jeder kennt das bei den Sozialfällen der Gesellschaft. Die kommen nicht ohne staatliche Stütze über die Runden. Das heisst doch: Ohne Geld kann man sich nicht mal das Lebensnotwendigste leisten. Wenn Geldquellen sprudeln, steht einem hingegen der Zugang zu allen Produkten und Dienstleistungen offen. Was nicht heisst, dass man jeden Tag an der Strandbar verbringen kann, bloß weil man den Drink bezahlen kann. Um Geld wird gestritten, sei es im Konkurrenzkampf um Marktanteile, vor Gerichten, bei Einkommensverhandlungen im Personalbüro oder auf der Straße. Griechenland hat in diesem Streit die Arschkarte gezogen: Schlechte Leistungsbilanzen, schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt, wachsender Schuldenstand des Staatshaushalts. Das Land ist gewissermaßen der Sozialfall auf Staatsebene, herbeigeführt von Investoren, die ihren Kredit aus dem Land abgezogen haben.

Ein ehernes Gesetz der Marktwirtschaft lautet, fremdes Geld musst du zurückzahlen. Schuldverhältnisse funktionieren nur auf dieser Basis. Hat Griechenland sich nicht selbst in eine schwierige Situation manövriert, indem es Kredit aufnahm ohne an die fällige Rückzahlung zu denken?

Jeder Geschäftsmann oder Endverbraucher geht zur Bank und holt sich einen Kredit. Sei es um erweiterte Geschäfte zu finanzieren, Schulden zu refinanzieren oder für den Autokauf. Der Staat hat seine Notenbank und bedient sich seinerseits kräftig am Kapitalmarkt. Auch Banken kreditieren sich untereinander. Die brauchen das Geld, um Finanzprodukte zu kaufen und zu verkaufen, als Zwischenfinanzierung für neue Anlagemöglichkeiten oder um den eigenen Wertfonds mit frischen Aktiva zu vergrößern damit Investoren das Gefühl beschleicht, dort einsteigen zu müssen. Wer sagt denn, dass Griechenland den EZB-Kredit einfach so mitgenommen hat? Die haben das Geld mit Sicherheit nicht in der Strandbar auf den Kopf gehauen. Übrigens wäre das Geld ja nicht weg, man schluckt ja Red Bull und nicht Euros. Die bleiben im Geldkreislauf und zirkulieren durch verschiedene Hände weiter. Bescheren dem Strandbarbesitzer ein Auskommen, der Getränkeindustrie üppige Gewinne. Vielleicht erhebt der Staat zu wenig Steuern auf die Getränkeindustrie, andererseits ist das Tourismusgeschäft traditionell eine solide Einnahmequelle gerade bei den Griechen.

Sie meinen, die haben eigentlich ganz richtig gewirtschaftet und geraten trotzdem in eine Schieflage?

Es heisst die Griechen haben eine katastrophale Leistungsbilanz mit immensem Importüberschuß und wenig Export. Also mehr aus dem Ausland eingekauft als dorthin verkauft. Das heisst, ausländische Firmen haben ihre Waren und Dienstleistungen in das Land reingetragen und das dort liegende Geld aus EZB-Krediten, Euro-Subventionen und Anleiheverkäufen eingeworben und entweder wieder rausgehlot oder reinvestiert, um noch mehr rauszuholen. Der Vorwurf an den griechischen Staat gipfelt an dieser Stelle eigentlich darin, dass das Finanzministerium an diesem Treiben seine Steuereinnahmen nicht hochgetrieben hat und diese Euro-finanzierte Geschäftstätigkeit nicht in mehr Haushaltsgeld ummünzen konnte. Ich weiss nicht, was Griechenland auf den EU-Markt hätte exportieren sollen. Mehr Olivenöl? Spanien produziert massenhaft davon oder andere Agrarprodukte? Mit Honig oder Zucchini lässt sich eine negative Leistungsbilanz kaum aufpolieren. Griechenland verfügt auch über kein industrielles Produktionsniveau, das international mithalten kann. Allerdings war das lange vor der Krise klar. Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes war vor dem Euro-Beitritt nicht vorhanden und sollte eigentlich durch die Währungsunion in Gang kommen. Das ist bislang nicht gelungen.

Krise im Dialog – Schwere Kost

25.01.2012 – Ein kleiner Kreis in einer Café-Ecke, Innenstadt Wien. Soeben endete ein Vortrag über Menschen, Macht und Krise. Im Gespräch die Frage, warum es so schwer ist, die anhaltende Schuldenkrise und die drohende Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen moderner Staaten einzudämmen. Niemand will Patentrezepte an die wirtschaftlichen und politischen Chefetagen und Kommandozentralen verteilen. Das Gespräch dreht sich um grundlegende Betrachtungen zum Krisengeschehen.

Auch nach fünf Jahren Krisenbekämpfung durch Freikauf der überschuldeten Finanzbranche und Sicherheitsgarantien in dreistelliger Milliardenhöhe zeichnet sich kein Ende ab. Sind die kreditbewirtschaftete Marktwirtschaft und die sie tragenden Staaten am Ende?

Nach Äußerungen maßgeblicher Volkswirte und Chefökonomen sieht es nicht danach aus. Alle Anstrengungen konzentrieren sich darauf, das Zahlungssystem und den Euro am Leben zu erhalten. Offenbar liegt die Euro-Rettung noch im Kalkül der Euro-Staaten, andererseits herrscht Streit über einzelne Maßnahmen und deren Wirkung. Griechenland, Portugal oder Irland sind ja völlig anders betroffen als Deutschland oder Frankreich. Bei den Griechen ist der Bonitätsverlust eingetreten, entsprechend verheerend sind die Auswirkungen. Verarmung der Bevölkerung, fortschreitende Erlahmung der Geschäftstätigkeit, Souveränitätsverlust auf der politischen Ebene. Die führenden EU-Nationen haben zwar auch gewaltigen Schrott im Keller, schaffen aber noch die Fristverlängerung bis zum nächsten Stresstest. Das kann man am Zinssatz bei Anleihe-Auktionen ablesen, aber auch am Auftritt maßgeblicher Politiker. Die Troika reist eben nach Athen und nicht nach Berlin.

Es sieht danach aus, als ob ökonomische Macht am längeren Hebel sitzt …

Beim Thema Zerfall der Euro-Zone kann ich mir nicht vorstellen, dass Bank- und Konzernvorstände begeistert sind. Die Geschäftsgrundlage der Banker ist die Verwertung von eingesetztem Kapital und wenn das überwiegend Euros sind, ist eine Entwertung der Währung gleichbedeutend mit der Gefährdung ihres Unternehmenszwecks. Rendite muss die von Staatsseite eingerichtete und beaufsichtigte Wirtschaft schon hergeben und das tut sie auch in Krisenzeiten. Macht bedeutet in diesem Zusammenhang einfach Sicherstellen des Geschäfts. Und da ziehen Finanzwirtschaft und Staat an einem Strang, die einen wollen gute Bilanzen auf dem Tisch, die anderen Wachstum sehen. Unterschiede gibt es allerdings in der Aufgabenstellung. Politiker managen den ganzen Laden, Banker wollen Geld vermehren. Das ist zwar auch nicht ganz unwichtig, deckt aber längst nicht den Bereich hoheitlicher Aufgaben ab. Der Staat sitzt im Zweifelsfall immer am längeren Hebel. Er ist Gesetzgeber, oberster Befehlshaber und Geldgarant in einem. Den Wert des Geldes kann er allerdings nicht per Verordnung festlegen, die gesetzliche Gültigkeit von Banknoten samt Kleingeld schon. Beim Werterhalt des Geldes ist der Staat auf seine Wirtschaft angewiesen, die täglich gewissermaßen beweisen muss, dass sie Wertschöpfung zustande bringt. Läuft diese ganze Verwertungskette einschließlich Geldrückfluss aus den Verkäufen findet Wachstum statt. Platzen die Geschäfte, schrumpfen auch die staatlichen Bilanzen. Anders ausgedrückt: Dem Souverän schwinden die Kräfte.

Kommen wir auf die Krise zurück. Verstehen Sie überhaupt, was da passiert?

Wenn Sie sagen, da schaufeln alle an ihrem eigenen Grab, dann ist das weder richtig, noch falsch. Dass Spekulanten am Finanzmarkt auf zukünftige Geschäfte setzen und dabei traumhafte Gewinne einstecken ist doch ein sehr ehrenwerter und gesellschaftlich hoch angesehener Beruf. Erst wenn sich die Verluste häufen, Misserfolge einstellen, rümpfen einige die Nase. Krise tritt eigentlich erst in den Kreis der Wahrnehmung, wenn Zinslasten die normale Geschäftstätigkeit beeinträchtigen, also Zahlungsschwierigkeiten nicht vereinzelt sondern in steigendem Maße auftreten. Die übliche Reaktion auf so eine Situation ist die Stundung von Gläubigerforderungen also die zeitlicher Aufschub von fälligen Zahlungen. Auch das ein völlig übliches Verhalten zwischen Banken, Unternehmen und auch Privatmenschen. Dazu versucht jeder Geschäftsmann, wenigstens mit Krediten, also Neuverschuldung, die alten Schulden soweit auszubügeln, dass man in seiner unternehmerischen Existenz weitermachen kann. Dann wird zwar der Preis fürs Weitermachen höher, aber es gibt ja noch genügend Handlungsspielraum, um sich lukrative Aufträge zu sichern, die Kosten zu optimieren und den Produktionsausstoß hochzufahren. Soweit ist mir das geläufig. Warum Schulden, die ja immer als Schmiermittel für Wachstum angesehen werden, plötzlich ins Gegenteil sich verkehren, ist schwer nachzuvollziehen.

Das Verhältnis von Schulden und Ertrag unterliegt generell den Marktschwankungen sowohl im Warenhandel als auch im Finanzbereich. Jeder Konzernbericht weist aber in normalen Jahren eine Ertragssteigerung aus, das gilt auch für das jährliche Bruttoinlandsprodukt und all die anderen Leistungsindikatoren.

Sie sind ja sehr optimistisch, was die Ertragsseite betrifft. Sicherlich sind die Jahresbilanzen der Industrie und der Dienstleister sehr gut, dem steht aber eine Staatsbilanz gegenüber, die alles andere als beruhigend ist. In Deutschland summiert sich die Schuldenlast auf zwei Billionen Euro, dagegen ist Griechenland ja geradezu ein Musterknabe. Verbindlichkeiten dieser Größenordnung sind unvereinbar mit der Vorstellung von blühenden Landschaften. Wollte der Staat seine Schulden begleichen, müsste er von seinen Bürgern zwei Billionen Euro eintreiben. Das käme der Vernichtung von Vermögen in der gleichen Größenordnung gleich. Das Geld landet auf Gläubigerkonten im In- und Ausland. Der Staat müsste dann sofort wieder die Kreditmaschine anwerfen, um den Vermögensentzug zumindest in Bahnen zu halten, von denen keine Gefahren für die Wirtschaftstätigkeit und damit für Steuereinnahmen ausgehen. Die Entschuldung provoziert die Neuverschuldung.

So, jetzt bestellen wir erst mal eine Runde, bevor wir weitermachen ….

Im Dialog: Krise ohne Ende (2)

European Union

Image by erjkprunczyk via Flickr

03.11.2011 – Wir sitzen in einem Cafe in Salzburg, das Wetter hat bessere Laune als die Stimmung am Tisch. Es geht um das Referendum der griechischen Regierung und den aktuellen Verlauf der Krise. Die erste Frage zielt auf die Reaktionen der EU-Staaten angesichts der Ankündigungen aus Athen.

Die griechische Staatsregierung hat schwere Betroffenheit bei den führenden EU-Politikern ausgelöst – ist eine Volksabstimmung nicht ein legitimes Mittel in einer Demokratie?

Ja natürlich. Aber eigentlich spielt das keine Rolle und zwar auf beiden Seiten. Die Euro-Gruppe will mit ihren Beschlüssen die Finanzmärkte beruhigen indem sie Athen mit allen Mitteln auf einen Euro-konformen Kurs zwingt. Wie das aussieht steht unmißverständlich in den Auflagen, die mit den Kredittransfers verbunden sind, also Sparkurs, Privatisierung, Entlassungen und Wirtschaft ankurbeln. Da geht es nicht um Demokratieideale sondern um Realpolitik. Jedem ist klar, dass die Brüsseler Beschlüsse kein Freundschaftsdienst sind sondern ein beinharter Eingriff in die griechische Gesellschaft und die staatliche Souveränität, auch wenn manchmal von einem großzügigen Angebot die Rede ist. Das aber ist Schönfärberei.

Trotzdem gleicht der Vorstoß einem politischen Eiertanz, der mehr riskiert, als notwendig.

Papanderou bleibt nichts anderes übrig, als die Programmpunkte seiner europäischen Partner Punkt für Punkt umzusetzen. Da ist reichlich Führungsstärke gefragt, die er und seine Partei einfach nicht haben. Deshalb die Vertrauensfrage und das Referendum. Ein nicht ganz ungeschickter Schachzug, denn eine Volksabstimmung hat auch Hebelwirkung, die dem Premier den Rücken stärken könnte. Ansonsten Amtsverzicht an der Regierungsspitze wegen allzu heikler Aussichten mit Blick auf die Durchsetzung der Auflagen. Zyniker sagen auch, dass in der Euro-Liga der erste Abstiegskandidat gefunden wurde.

Die Rettungsbemühungen geraten ja offensichtlich immer mehr zu einer Aufräumaktion unter den Mitspielern der Währungsunion …

Das sieht tatsächlich nicht sehr entspannt aus. Um den Euro als starke Währung und damit auch als starke Marke auf den Finanzmärkten zu erhalten, das ist ja das erklärte Ziel von Angela Merkel, müssen alle Mitgliedsstaaten ihren Beitrag leisten. Nur wer stellt eigentlich die Regeln auf, wer sagt, was ein Land zum Euro-Erfolg beizutragen hat? Nach dem bisherigen Krisenverlauf sind es eigentlich die Finanzmärkte, die den Takt vorgeben. Die Eckwerte aus dem Maastricht-Vertrag sind ja schon länger de facto außer Vollzug. Anleihen, die bis zu einem gewissen Grad den Handlungsspielraum eines Staates festlegen, sind ihrem Wert nach das Ergebnis von Spekulation. Ihre Marktrendite wird täglich im Handel ermittelt. Geldhändler und deren Geschäftsmotive entscheiden folglich darüber, was Staatsanleihen wert sind. Das stört Staaten überhaupt nicht, denn sie haben ja Markt und Währung selbst ins Leben gerufen und sie wollen Markt und Währung mit allen Mitteln verteidigen.

Können Sie das eigentlich gut heißen?

Es ist manchmal schwer nachvollziehbar, was da eigentlich passiert. Einerseits sind die Banken und das Finanzkapital vom Wohlwollen der Staaten und deren politischen Wachstumsprogrammen abhängig, andererseits entscheiden Geldbesitzer und Investoren über die Handlungsfähigkeit der Staaten, die sich an den Euro gebunden haben. Mir scheint da ringen sehr potente Parteien in einem harten Schlagabtausch um die Sicherung von Einflußsphären. Von Rettung eines in Not geratenen Nichtschwimmers kann da eigentlich nicht die Rede sein.

Im Dialog: Krise ohne Ende (1)

14.10.2011 – Im folgenden findet sich die Zusammenfassung von Gesprächen, die einem schillernden Thema nachgehen. Zu Wort kommen ein Volkswissenschaftler, ein Gesellschaftswissenschaftler, ein Hochschullehrer und ein Normalverbraucher. Es handelt sich um Interviews, die zu einem Gespräch aus- und umgebaut wurden und insofern keine wörtliche Wiedergabe darstellen. Der rote Faden ergibt sich aus den Fragen und Antworten.

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas spricht von einem Konstruktionsfehler der Währungsunion, Peter Sloterdijk, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie Professor für Philosophie und Ästhetik, sagt, man müsse die Realität der Krise erst mal im Ernst begreifen und fügt in einem Interview hinzu, dass die Art und Weise, wie regierende Hausmeister im Dunkeln Megamilliarden hin- und herschieben, (…) eine Beleidigung für jede Intelligenz sei. Was ist dran am Konstruktionsfehler und sind Sie beleidigt angesichts milliardenschwerer Interventionen durch die Politik?

Der Konstruktionsfehler ist nicht unbekannt und wird seit dem Gründungsakt des gemeinsamen EU-Marktes vor mehr als zwanzig Jahren immer wieder zitiert. Ich erinnere mich, dass schon sehr früh kritische Stimmen den Rückschnitt der Idee eines vereinten Europas auf eine reine Freinhandelszone bemängeln. Europa ist in der Hauptsache EU-Markt. Einfach gesagt, schließen sich konkurrierende Staaten zu einer Union zusammen und unterbinden damit nicht ihre Konkurrenzsituation, sondern verschärfen sie sogar. Mit dem Euro unterliegen sie einem gemeinsamen Wertmaßstab, der ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Produktivität und Erfolg unmittelbar, also ohne nationalstaatliches Dazwischentreten festhält. Wachstum wird in Euro gemessen, egal ob es in Italien, Griechenland, Irland oder Deutschland stattfindet. Der egalisierte Erfolgsmaßstab trifft auf sehr unterschiedliche Volkswirtschaften, offensichtlich war man sich in Brüssel aber einig, dass Ausgleich vor allem durch Subventionen möglich ist. Die gemeinsame Währung nutzt natürlich demjenigen, der es versteht, aus dem ihm zur Verfügung stehenden Euro-Kredit ein Plus zu schlagen. Das haben alle nach Kräften gemacht und den gemeinsamen Währungsraum mit ihren Produkten und Dienstleistungen aufgerollt mit dem Ergebnis, dass es Gewinner und Verlierer gibt.

… das erklärt aber nicht die krisenhafte Verlaufsform von der Bankenschwäche bis zur Staatsverschuldung und der Euro-Krise.

Doch, das ist in diesem Ausgangspunkt enthalten. Denn die Staaten sind ja nicht von der Bühne abgetreten und haben es ihren Wirtschaftsakteuren überlassen, was am EU-Markt passiert. Sie haben kräftig mitgemischt und ihre Wirtschaft mit Krediten versorgt, die sie selbst bereitstellten oder bei der Europäischen Zentralbank beantragen mussten und auch geflossen sind. Alle Beitrittsländer sehen im Euro-Markt Chancen für eigenes Wachstum. Dasselbe gilt für die Geldbeschaffung via Anleihen. Das Kraftwerksgeschäft in Griechenland oder der Aufbau von modernen Kommunikationsnetzen sind Großprojekte an denen Konzerne gutes Geld verdienen, besichert durch nationalen Kredit, EU-Subventionen und Investorengelder und alles in Euro, also ohne Wechselkursrisiko. Dass solche Geschäfte Spekulanten anziehen und Banken beispielsweise in großem Stil griechische Staatsanleihen kaufen, um sie als eigene Finanzprodukte wieder zu kapitalisieren, ist ja kein Systemfehler, sondern Geschäftsbasis für die Finanzmärkte.

Wieso kommt es dann zu einem milliardenschweren Verschiebebahnhof, an dessen Ende sogar Staatshaushalte Gläubigerschutz benötigen?

Der stärkste Druck geht von den Finanzmärkten und den Ratingsagenturen aus. Mit jedem Kredit und jeder Anleihe ist der Anspruch an Rückzahlung und Zins gebunden, die während der Laufzeit des Kredits erwirtschaftet werden müssen. Dieses Versprechen, auf das Investoren vertrauen, erhielt im Verlauf der Finanzkrise ein dickes Fragezeichen. Der Lehmann-Crash und die darauf einsetzende Vernichtung von Vermögen in großem Stil bis hin zur heutigen Lage der Euro-Zone basiert letztlich auf nicht bedientem oder nicht mehr bedienbarem Kredit. Das betrifft sowohl Geschäfts- als auch Staatsschulden. Aus Sicht der Finanzakteure ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich der Schuldenüberhang einzelner Staaten durch nationales Wachstum und vermehrte Steuereinnahmen ausgleichen lässt. Also wird Geld umgeschichtet, nach neuen Anlagensphären gefahndet oder gegen den Euro spekuliert, um daraus vielleicht das ein oder andere Plus zu ziehen. Die Ratingagenturen sind im Fall von Staatshaushalten eigemtlich nichts anderes als volkswirtschaftliche Bonitätsprüfer, die den Investoren Rahmendaten liefern.

Kommen wir zurück auf die Hausmeister und die Milliardenbeträge, die sie hin- und herschieben. Es geht dabei ja nicht nur um Liquidität und Zahlungsfähigkeit, sondern hauptsächlich um Sicherheiten für Geldbesitzer und Kreditwirtschaft.

Ein besicherter Geldumlauf ist die notwendige Voraussetzung für funktionierende Geschäftsmodelle. Das eigenartige dabei ist allerdings, dass bei erfolgreichem Geschäftsverlauf niemand danach fragt, ob dieser mit Schuldtiteln oder Eigenkapital angestoßen wurde. Im Gegenteil. Der kreditfinanzierte Anteil am Wachstum liegt bei nahezu 100 Prozent, Eigenkapital ist lediglich ein marginaler Sicherheitspuffer. Was Politik, Notenbank und Bankenaufsicht machen ist der Versuch, mit enormen Summen die Vertrauensbasis in das Kapitalmarktgeschäft wieder herzustellen. Der ökonomische Sachverstand fühlt sich dabei keineswegs beleidigt. Denn ohne Bad Banks und frischer Kreditausstattung wäre der Wirtschaftskreislauf überhaupt nicht wieder in Gang gekommen. Die Bedrohung durch Konkurs großer Bankhäuser und damit verbundener Kettenreaktionen ist wegen der Höhe der Schulden, die in den Büchern schlummern, ausreichend, um eine ganze Volkswirtschaft aus dem Tritt zu bringen.

Wenn es um die Absicherung von Geldwert, Anleihen und anderen Wertpapieren geht ist das nicht nur eine finanztechnische Frage. Denn die milliardenschweren Bürgschaften für notleidende Staaten bedeuten eine politische Belastung der Unionspartner. Um den Wert von Staatspapieren eines als kreditunwürdig eingestuften Staates zu garantieren, müssen finanzstarke Staaten ihren eigenen Haushalt überziehen. Das kommt eigentlich einer Umschichtung von Schulden der schwachen EU-Mitglieder auf die noch geschäftsfähigen EU-Staaten gleich – und schwächt deren Haushaltslage. Geht der Schuss nach hinten los?

Das kann man so sehen. Streng genommen widerspricht so ein Rettungsplan allerdings der ökonomischen Logik. Wenn Staaten mit intakter Geldversorgung die Schulden von anderen Staaten übernehmen, deren Kreditwürdigkeit in Frage steht, konterkarieren sie die Risikobewertung durch die Investoren. Die Probleme potenzieren sich sogar, denn um die Wertstabilität von Anleihen, Geld und anderen Finanzprodukten zu erhalten, müssen sie entwertet werden. Wie soll das gehen? Das Schuldenstreichen bedeutet nun mal Verlust mit den damit verbunden Turbulenzen. Jeder Geschäftsmann versucht das zu vermeiden.

ROI – ein Nachweis der dritten Art

Aufwands- und Kostenreduktion, schneller, nachweisbarer ROI, modifikationsfreie Lösung, Verkürzung der Durchlaufzeiten – zusammen ergibt das eine Revolution und zwar in der Eingangsrechnungsverarbeitung. Das behauptet zumindest die Marketingabteilung eines Softwareanbieters. Das Erdbeben mag einen Buchhalter vor dreißig Jahren erschüttern – heute beeindruckt das niemand mehr. Wenn 50 000 Rechnungsseiten pro Jahr teilautomatisiert durch die EDV jagen, bekommt lediglich der Systemadministrator mitunter feuchte Hände und zwar immer dann, wenn Bearbeitungstools fehlerbehaftete Rechnungen durchschleusen oder das Capture-Tool partout Datumsfeld und Adressfeld verwechselt.

Der Return On Investment (ROI) ist eine standhafte Größe und befruchtet viele Verkaufsgespräche auch und gerade in der Welt der Informationstechnik. 40 Prozent Aufwands- und Kostenreduktion steht im Referenzbericht eines Automobilzulieferers. Kennzahlen sind das betriebswirtschaftliche Spielzeug mit denen sich Gewinn und Verlust, Erfolg oder Niederlage, Wachstum oder Stagnation feststellen lässt. Die ROI-Berechnung ist dabei die beliebteste Übung, denn sie drückt grundsätzlich eine Unschärfe aus: Die Maßzahl für den Erfolg einer Investition enthält den prognostizierten Rückfluß des ausgegebenen Kapitals innerhalb einer bestimmten Zeitdauer.

Genau genommen lässt sich der ROI gar nicht im voraus berechnen. Denn der Unternehmer kann seine Nettorendite erst ermitteln nachdem das Geld ausgegeben wurde und er sich damit am Markt durchgesetzt hat. Und schon wieder stoßen wir auf eine eigentümliche Schwäche der Kennzifferntüftelei: Die Rendite berechnet sich aus dem Umschlag des gesamten im Unternehmen gebundenen Kapitals. Schließlich verdient der Automobilzulieferer sein Geld nicht mit digitalisierten Geschäftsprozessen sondern mit Bremszylindern oder Einspritzpumpen.

Es gibt folglich verschiedene Methoden zur Berechnung des ROI. Je nachdem wie weit man die Zeitachse spannt und den Break Even finanzmathematisch ansetzt, ergeben sich ganz unterschiedliche Kennziffern. Während die klassische Rechnungsweise die gesamte Nutzungsdauer einer Anschaffung betrachtet und den Planungshorizont entsprechend langfristig ansetzt, gehen IT-Buchhalter von wesentlich kürzeren Verfallszeiten der Hard- und Software aus. Brummen die Geschäfte, vermag eine moderne, gut gewartete IT-Infrastruktur den Weg zu mehr Umsatz zu ebnen – an den Schalthebeln sitzen aber immer noch die Mitarbeiter, die entscheiden welches Kundenbedürfnis wie befriedigt wird.

Beim Personal allerdings wirken die Kennziffern verheerend. Wenn Gehaltskosten gegen Technikkosten aufgerechnet werden, steht der Angestellte allemal im Regen. Als Kostenfaktor muss er sich messen lassen an IT-Systemen, die tatsächlich vieles schneller und effizienter erledigen. Welche Kosten rentieren sich denn nun – der Posteingangsscanner samt damit verbundener EDV und vernetzter Datenbanken oder das Sekretariat mit den krankheitsanfälligen Mitarbeitern. Zur Beantwortung dieser Frage ziehen viele Unternehmen ganz gern den ROI zu Rate.

Aufstand – Risse im Ich

Da haben sich französische Oppositionelle schwer ins Zeug gelegt und eine Schrift vorgelegt, die kein gutes Haar an der gegenwärtigen Ordnung lässt. Die unbekannten Schreiber kommen zu einem vernichtenden Urteil: „Das Erhalten des Ich in einem Zustand permanenten Halb-Verfalls, chronischer Halb-Ohnmacht ist das bestgehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge.“ Die Autoren des französischen Buches „Der kommende Aufstand“ nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn sie an allen Ecken und Enden der Gesellschaft immer dieselben zerstörerischen Kräfte am Werk sehen. Es geht gegen die Menschen, die in Verhältnisse gezwungen werden, die nichts mehr von ihrer ursprünglichen Identität übrig lassen. Die ganze bürgerliche Welt ist zu einer grotesken Eismumie erstarrt, ein „leerer Raum, eiskalt, nur noch durchquert von registrierten Körpern, automobilen Molekülen und idealen Waren.“

Postmodern aber ausweglos
Natürlich sind das Worte, die einem gut geerdeten Mitglied der Gesellschaft niemals über die Lippen kommen. Es ist der Blickwinkel von Kritikern, die der linksmilitanten Szene entstammen, wie Nils Minkmar Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bemerkt, allerdings um dem offen aufständischen Charakter der militanten Prosa eine gewisse Nähe zum Zeitgeist zu bescheinigen: „Auch in „Der kommende Aufstand“ geht es um die Ausweglosigkeit eines immer subtiler operierenden kapitalistischen Systems, um die „Ausweitung der Kampfzone“: von den Schlachtfeldern und den Märkten ins Private, Körperliche und Intime, um die Kolonisierung von Gedanken, Gefühlen und Genüssen durch den postmodernen Kapitalismus.“

Die Aufständischen in Frankreich halten sich indes nicht lange beim postmodernen Kapitalismus auf. Sie haben ganz andere Bilder vor Augen, als das Hin und Her beim Geschäftemachen oder die staatlichen Rettungsmaßnahmen zur Stabilisierung der Währung. Für sie ist die ganze Gesellschaft ein monströser Verführungsapparat, der mit Zuckerbrot und Peitsche heftig wütet und jeden lebensfreudigen Mitmenschen seiner ureigenen Bedürfnisse beraubt. Die Folge ist ein moderner Bourgeois, der lediglich eine blutleere Hülse repräsentiert, gut durchgestylt und pflegeleicht, ein fremdgelenktes Mainstream-Wesen eben, das macht, was es soll. Das kann doch nicht gut gehen, ahnt jeder Leser – sowohl für den Einzelnen, der merkt, dass er seinen inneren Zusammenhalt verliert und für jene scheinbar obsiegenden Kräfte, die jene menschliche Existenz zerstören, auf die sie angewisesen sind, von der sie ganz gut leben.

Atomisiert aber bei guter Laune
Allerdings sieht es auf der Gewinnerseite in den Augen der französischen Gesellschaftstkritiker überraschenderweise auch sehr öde aus. Die Autoren sind felsenfest überzeugt davon, dass den bestehenden Institutionen und dominierenden Eliten eine selbstzerstörerische Tendenz innewohnt, die dem Leidensdruck der geknechteten Seite ausgesetzt, aber nicht gewachsen ist. Im Text heisst es unmißverständlich: „Diese Gesellschaft wird bald nur noch durch die Spannung zwischen allen sozialen Atomen in Richtung einer illusorischen Heilung zusammengehalten. Sie ist ein Werk, das seine Kraft aus einem gigantischen Staudamm von Tränen zieht, der ständig kurz vor dem Überlaufen ist.“ Schön gesagt, aber sehr bemüht. Denn die Gesellschaft atomisiert jeden soweit, dass er vielleicht Risse in seinem Ich bekommt, aber in den meisten Fällen realitätstüchtig bleibt, seinen Job erledigt, Frau oder Mann samt Kinder so weit es geht bei Laune hält, seine Steuern bezahlt und nach dem nächsten Karrieresprung Ausschau hält.

Dennoch nimmt die Geschichte eine andere Wendung als erwartet: Es ist nämlich nicht die mangelnde Integrationsfähigkeit des aufschreienden, weil geschundenen Ichs sondern im Gegenteil: Die perfekte Einbindung in das Hamsterrad von Produktion, Werbung, Herrschaft und Zynismus, die den Keim der Rebellion enthält. Die Leute merken, dass mächtige Bevölkerungsgruppen sich in einer Art Kriegszustand befinden mit dem Ziel, anderen Bevölkerungsteilen den letzten Rest an Lebensfreude zu nehmen. Als Beleg listen die Autoren etwas unscharf so ziemlich jeden und alles auf, was sie als tragendes Element der etablierten Verhältnisse ansehen. Damit ist eigentlich klar, das es nur einen Ausweg gibt: Im Aufstand findet das entkräftete und angepasste Ich wieder zu sich selbst und befördert das ohnehin absterbende Bürgertum mit einem letzten Tritt in die Recyclinganlagen der Geschichte.

Revolutionäre Wurzeln
Manche Passage in dem Buch liest sich wie die leidenschaftlichen Aufrufe eines Robespierre, Morelly oder des Volkstribuns Babeuf, der noch 1797 beim Gang zur Guillotine mit Inbrust verkündete: „Ich bleibe bei der Behauptung, die Revolution ist noch nicht durchgeführt.“ In anderen Passagen beschwören die Autoren die aufkeimende Subversion aus den sozialien Bewegungen, den Bonlieus und der großen Zahl an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern. Das eigentliche Kraftzentrum des kommenden Aufstandes aber liegt im Zerfallsprozess der vorherrschenden Verhältnisse: „Es gibt keinen Grund mehr zu warten – auf eine Aufheiterung, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern was da ist. Wir verorten uns bereits jetzt in der Bewegung des Zusammenbruchs einer Zivilisation.“

Babeuf, der Weitermachen wollte, der die Revolution in Frankreich zu einem glücklichen Ende für alle – und nicht für eine neue Klasse an Profiteuren und Geldsäcken, wie er stets betonte – führen wollte, wurde einfach einen Kopf kürzer gemacht. Damit war es vorbei damit, was die Aktivisten und Volkstribunen der Jahre 1789 ff. nicht nur einmal geschworen haben, als sie in Paris und anderswo das Ancien Regime aus den Angeln hoben: „Wiederholen wir es nocheinmal. Das Leid hat seinen Gipfel erreicht; es kann nicht mehr schlimmer werden; es kann nur noch durch eine totale Umwälzung geheilt werden!“ Das Zitat stammt aus dem Jahr 1795. Es war die Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft.