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Riots ohne Ende

10-08-2011 – Pure Kriminelle, getrieben von der blanken Lust an Zerstörung, so die offizielle Lesart, die der englische Premier David Cameron der Weltöffentlichkeit mitteilt. Dazu das Aufstocken der Polizeikräfte auf 16 000 Mann allein für London mit der Anweisung, die Ordnung in den Stadtvierteln wieder herzustellen. Das war´s denn auch. Die randalierenden Jugendlichen, die über die Stränge schlagen, erhalten eine Lektion in Sachen öffentlicher Ordnung und Respekt vor Eigentum. Und während Strafverfolger unter dem Beifall der Öffentlichkeit Jagd auf Randalierer machen, planen die Sicherheitsbehörden schon die nächsten Maßnahmen: Mehr Kontrolle der Elendsviertel und der sozialen Netzwerke, vielleicht auch Aufstockung der Gefängniskapazitäten und Überprüfung der gesetzlichen Handhabungen.

Die Aufräumarbeiten an der Basis treffen Jugendliche, die nichts zu Lachen haben. Drastische Sparprogramme verschärfen den täglichen Überlebenskampf, der immer aussichtsloser wird. Kaum mehr vorhandene Jobangebote bei ständig sinkendem Einkommensniveau. Auf einen Gutverdiener kommen hunderte mäßig bis schlecht bezahlte Mitarbeiter, die volle Leistung bringen müssen, um nicht ganz raus zu fallen. Dazu ein sich vergrößernder Bodensatz an Ausgemusterten, denen nicht nur die Lebensperspektive abhanden gekommen ist, sondern die gar nicht so richtig in Tuchfühlung mit einem geregelten Arbeitsleben gekommen sind – und wahrscheinlich auch nie kommen werden.

„Wir holen uns, was uns zusteht“, soll ein Kapuzenaktivist gesagt haben. Dann ging es los, um Elektronikläden zu stürmen oder das Schuhlager einer Verkaufskette zu plündern. Im Land des Punk und der No-Future-Generation standen plötzlich auch Autos und Häuser in Flammen. Das alles erinnert an die Krawalle in den Pariser Banlieus oder die Ausschreitungen in Athen. Aber auch an Hooligans aus der Südkurve oder vandalisierende Gruppen auf Bahnsteigen, Rummelplätzen und in Zügen. Mehr als ein Ventil um Wut abzulassen ist das nicht, aber ein Hinweis auf sehr unzufriedene Kreise der Bevölkerung.

Einfach zu nehmen, was man braucht ist natürlich ein schwerwiegendes Missverständnis in einer Gesellschaft, die zwar Überschüsse an Waren kennt, den Zugang dazu aber über Geld regelt. Pech für denjenigen, der keines hat und schrankenlose Freiheit für andere, die genügend davon haben. Wer ein Handy mitgehen lässt ohne an der Kasse zu bezahlen ist ein Kleinkrimineller. Wer darüberhinaus noch die Scheibe einschlägt und die Ladeneinrichtung zertrümmert gibt sich als handfester Krimineller zu erkennen. Ihn trifft die Wucht des öffentlichen Rechtsempfindens, der moralischen Empörung und die auf den Fuß folgende polizeiliche Verfolgung zur Wiederherstellung verletzter Gebote.

Soweit bewegt sich Aktion und Reaktion auf eingeübten Wegen. Was unter den Tisch fällt ist der Ausgangspunkt für den Kapuzenmann. Der kommt mit seiner martialischen Tour nie und nimmer an die schönen Dinge, die er so gern haben will oder von denen er meint, dass sie zu einem normalen Leben einfach dazugehören. Stattdessen übersieht er die Kleinigkeit, dass er sich an fremdem Eigentum und den Interessen, die der rechtmäßige Eigentümer damit verbindet, vergeht. Um teilnehmen zu können am gesellschaftlichen Leben und an den schönen Sachen, die das Leben so lebenswert machen, muss er den Umweg über das Geldverdienen beschreiten oder qua Elternhaus über eine ordentliche Apanage – der monatliche Sozialhilfescheck reicht nicht – verfügen.

Natürlich liegt es an ihm, wenn er die Sache nicht auf die Reihe bringt und aus der Reihe tanzt. Auch wenn er die Verhältnisse so nicht eingerichtet hat – bewegen muss er sich darin, wie jeder andere auch. Sucht er andere Wege, gibt es nur die schiefe Bahn. Dort tummeln sich alle möglichen Existenzen vom betrügerischen Nadelstreifenträger bis zum Paradiesvogel, ordinären Knacki bis zu mafiösen Rotlicht-Königen. Hält der Kapuzenträger nicht viel von dem eher traditionell geprägten Milieu gibt es noch die Drogenszene mit den unangenehmen Begleiterscheinungen gesundheitlicher Gefährdung und seelisch wie körperlichen Niedergang. Auch dort dreht sich alles ums Geld schon wegen dem regelmäßigen Nachschub und der teuren Beschaffung.

Allerdings ist es eine falsche Schlußfolgerung der aufmüpfigen Straßenkämpfer, zu meinen, es stehe ihnen etwas zu, das sie sich bei Verweigerung einfach nehmen. Die Spielregeln, wie man sich aufzuführen hat, sind längst festgelegt und haben Verfassungsrang. Der Rahmen, in dem der Punk sich bewegen darf und in dem er sich zu bewähren hat ist vorgegeben, selbst wenn es manchmal den Anschein des Gegenteils hat. Vielleicht macht das dem Kapuzenmann so zu schaffen, dass er ausrastet. Ganz sicher aber ist er kein verantwortungsloser Faulpelz, der vor lauter Anspruchsdenken vergisst zur Arbeit zu gehen. Wohin auch?

Unterdessen verfestigt sich das Bild von den marodierenden Banden in London, Liverpool und Birmingham zu dem, was immer zu hören ist, wenn Looser am Werk sind: Die Sozialproteste sind ordnungsmissachtende Eingetumsdelikte und damit undemokratische Umtriebe. Auf diese Sicht zieht sich in der allgemeinen Wahrnehmung alles zusammen, untermalt von den brennenden Häusern, gröhlenden Jugendlichen und hilflosen Polizisten. Die Regierungen ziehen durch, was sie für nötig halten und die Gesellschaft hofft, dass alles gut geht oder mobilisiert Bürgerwehren samt national gestimmten Gegenaktivisten. Störungen aus der Unterschicht sorgen zwar für Aufregung, aber das sind ja ohnehin Abgekoppelte, die es wegen ihrem brandschatzenden Aufruhr in die Nachrichten geschafft haben.

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