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Die Doppelhelix …

ist vielen aus dem Biologieunterricht bekannt. Einer der Entdecker der genetischen Strickleiter, Francis Crick, ist unlängst einem Krebsleiden erlegen. In den Nachrufen kommt dem Nobelpreisträger viel Ehre zuteil. Er sei einer der großartigsten und einflussreichsten Wissenschaftler aller Zeiten, heißt es allerorten. Crick veröffentlichte zusammen mit seinem Forscherkollegen James Watson jene doppelreihige Molekülkette, die, leicht gedreht, „das Geheimnis des Lebens“ enthüllt. Was im Jahre 1953 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war das Strukturmodell der Desoxyribonukleinsäure – kurz DNS. Das Riesenmolekül mit seinen vier verschiedenen organischen Basen, den Wasserstoffbrücken und Atombindungen bietet reichlich Stoff zum Büffeln für Gymnasiasten, aber auch Material für weltanschauliche Neudeutungen. Schon die Entdecker bezeichneten das Zusammenspiel von Proteinen, Enzymen und Nukleinsäuren in den Zellen des Organismus als die biochemische Basis des Lebens.

Das Leben des Francis Crick war allerdings alles andere, als ein ordentlich zusammengestecktes DNS-Molekül. Seine Dissertation konnte er wegen einem Job bei der britischen Admiralität (Thema: magnetische und akustische Seeminen) nicht fertig stellen. Im Kollegenkreis galten Crick und Watson als Laborclowns, die viel und laut redeten und immer andere Sachen im Kopf hatten, als Moleküle aus Basen und Säuren. Ihre Arbeiten ließen keinen ausgebildeten Forschergeist erkennen, sondern glänzten mit falschen Darstellungen oder Anfängerfehlern. Das alles hinderte Crick und Watson nicht daran, am Schreibtisch aus Pappstücken und Maschendraht eine spiralförmige Leiter zu bauen. In nur einer Stunde entstand jene nobelpreisgekrönte Doppelspirale, die als wegweisend für die moderne Gentechnik gilt.

Bis zuletzt glaubte Crick an das chemisch codierte Leben. In den letzten Jahren suchte er Geist und Bewusstsein aus der Molekularbiologie abzuleiten. Weit ist er nicht gekommen, doch über eines war er sich ganz sicher: „Die Bilanz der Philosophen ist seit 2000 Jahren so armselig, dass ihnen eine gewisse Bescheidenheit besser anstünde.“ Ein gutes Vermächtnis für moderne Gerhirnforscher, Informatiker und alle anderen künstlichen Intelligenzler.

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Sturm im Wasserglas

Der Nanometer …

ist nicht nur eine schlichte Größenangabe (ein Nanometer ist der Millionste Teil eines Millimeters). Das kaum sichtbare Etwas hat in der Welt der Technik dem Mikrometer (Tausendste Teil eines Millimeters) den Rang abgelaufen und erhält von den meinungsbildenden Organen hierzulande den Glorienschein einer Schlüsseltechnologie. Was ist nicht alles Nano: Gen- und Biotechniker untersuchen im Auftrag der pharmazeutischen Industrie mit Spezialmaschinen isolierte Zellverbände nach nanometergroßen Verbindungen, die sich als Ausgangssubstrat für neue Wirkstoffe nutzen lassen. Physiker durchleuchten mit harten Röntgenstrahlen oder im Rasterelektronenmikroskop den Aufbau der Materie auf der Suche nach verwertbaren Strukturen. Halbleiterforscher experimentieren mit Schaltungsstrukturen, deren Größe weit unterhalb 100 Mikrometern liegt und damit den Namen Nanostruktur erhalten. Schon bald sollen Datenspeicher auf den Markt kommen, deren kleinste Speichereinheit (Bit) einen Radius von etwa 30 Nanometern hat und in weniger als einer Nanosekunde geschrieben werden.

Die Wissenschaftlergemeinde hat eine Nano-Welle erfasst, die Pioniergeist fordert und Erwartungen schürt. Allerdings wirken viele Protagonisten aufgescheucht. Denn ihr Metier ist mit Hypotheken belastet, die keiner Basel-II-Prüfung standhalten würden. 200 Millionen Euro will das Bundesforschungsministerium in den nächsten Jahren in vier Leitprojekte der Nanotechnik stecken, 148 Millionen Euro macht die Bundesregierung zusätzlich locker, 850 Millionen Dollar hat der US-Präsident allein in diesem Jahr freigegeben. Dazu kommen noch ein paar Milliarden Euro von Venture-Capital-Firmen, anonyme Geldgeber aus der Industrie und aus interessierten militärischen Kreisen sowie Investments von Anlegern, die auf Nano-Companys setzen. Ein Haufen Geld also, das auf verwertbare Forschungsergebnisse wartet.

Soviel Getöse um Nano (deutsch: Zwerg) hat einen Grund: Die Zwergenwelt beherbergt bis dato ungehobene Goldschätze. „Zweifellos ein Milliardenmarkt“ urteilt der Verband Deutscher Ingenieure. Neugierde und Pathos wissenschaftlicher Forschung sind längst verflogen. Die öffentliche Debatte dreht sich ums Geschäft. Weder Politik noch Wirtschaft will sich diesen Wachstumstreiber entgehen lassen. Experten warnen im Fernsehen und in Zeitungsinterviews vor dem Verlust einer „noch vorhandenen Technologieführerschaft“. Die Europäische Kommission bringt die „Entwicklung einer europäischen Strategie für Nanotechnologie“ auf den Weg, Ministerialbeamte sprechen von der nächsten „industriellen Revolution“ und Professoren blicken mit Wohlgefallen auf einen lebhaften Start-up-Markt, den ihre Doktoranden in Gang gesetzt haben.

Noch bevor die Geschäfte mit Nanopulver und –röhren oder neuen Materialien und Werkstoffen so richtig in Gang kommen, steht der Preis, den die damit befassten Wissenschaftler, Unis und Firmen bezahlen müssen fest: Die Insolvenzrate unter den Start-ups der Branche ist groß, gute Ideen werden als `Nicht Marktfähig` abgestempelt und manches Kompetenzzentrum für Nanotechniken muss bald wegen Auftragsmangel umfirmieren. Die Technik – und mit ihr die Wissenschaftler – blamieren sich wieder einmal am Geschäftsmaßstab. Wo doch Wissen immer noch zum besten Kapital jeder modernen Gesellschaft gehört !