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In Sorge um die Seele

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Auf der Suche nach dem richtigen Klebstoff

24.07.2012 – Religion, Glaube und Kirche erhalten derzeit neuen Treibstoff nachdem so hässliche Vorkommnisse, wie priesterliche Knabenliebe und Sex statt Religionsunterricht in den Hintergrund gerückt sind. Kein geringerer als Jürgen Habermas und der Regensburger Erzbischof Gerhard Ludwig Müller legen Stroh ins Feuer und schaffen es in der Presse auf die vorderen Seiten. Der Personalie Müller – er rückt zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Glaubenskongregation der päpstlichen Kurie zu Rom auf – ist zu entnehmen, dass mit einem strengeren Durchgreifen hinsichtlich Kirchenräson, Abweichlern und Glaubensauslegung zu rechnen ist. Bei dem Frankfurter Kommunikationstheoretiker geht es mehr um die Grenzen des liberalen Staates und dessen Bedrohung durch allerlei Anfechtungen aus den Kraftzentren der Gesellschaft, namentlich die individualistische Auflösung des Gemeinwesens und die Vorherrschaft von Wirtschaftsinteressen. Religion, so die Überlegungen des Altbarden verschachtelten Denkens, könnte dem zerstörerischen Auseinanderstreben der Gemeinschaft Einhalt gebieten und Zusammenhalt stiften..

Dem Glaubenspräfekt Müller wird das gefallen, allerdings befindet er sich ebenfalls in Sorge angesichts der doch zahlreichen Herausforderungen in der säkularen Welt, angefangen bei der Krise Europas über Friedensgefahren, Gefährdung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte, bis zu ethischen Fragen, die der wissenschaftliche Fortschritt – Stichwort Stammzellenforschung – regelmäßig auftischt. Angesichts seiner Amtseinführung hat er ein bißchen den Teppich gehoben und gibt Einblick in die Sichtweise der Amtskirche. Im Kern sind alle Schieflagen nämlich ganz einfach zu begradigen: Gott höchstpersönlich hat die Richtlinienkompetenz, seine Kinder haben dem zu folgen.

Und das soll sich lohnen? Aber natürlich. Der Gehorsam ist nunmal nötig, da der Mensch nicht nur aus Religion besteht, sondern von seinem Schöpfer mit zahlreichen Eigenarten ausgestattet wurde, die dem gottgleichen Ebenbild entgegenstehen. Er ist Erdenwurm, der seinen Verstand nutzt, um sein Leben zu gestalten und dabei auch Einflüsterungen von bösen Mächte unterliegt. Das geht nun schon seit ein paar tausend Jahren so. Kein Wunder, dass Teile der Bevölkerung vom rechten Weg abkommen und mit atheistischen und säkularistischen Lebenskonzeptionen sowie rein innerweltlichen Lebenszielen die universelle Macht Gottes zurückdrängen.

Diese Gruppe der Sünder sind kein Hassobjekt der Kirche. Nach christlicher Lesart steckt nämlich ein bißchen Religion in jeder Meneschenseele. Das liegt einfach, dank göttlicher Formgebung, in der menschlichen Natur und manifestiert sich in vielen weltlichen Idealen und Glaubensäußerungen. Doch ohne den katholischen Ordnungsrahmen verflüchtigt sich die religöse Substanz in Zeitgeistmoden oder inkompetenten Heilslehren. Evangelium und Bibel, so schlussfolgert Müller ohne mit der Wimper zu zucken, sind das Absperrseil der Gesellschaft gegen Chaos, Krise und Leid in dieser Welt. Gott ist die konstitutive Macht, die alles zusammenhält und einer individualisierenden Gemeinschaft wieder Halt gibt – sofern man daran glaubt.

Dieses Heilsversprechen erscheint dem Frankfurter Soziologen Habermas immer plausibler. Vernunft hin, Wissenschaft her, es muss doch etwas geben, was den auseinanderdriftenden Gesellschaftsteilen genügend Klebstoff bietet. Der Staat, so kommt es dem Interaktionstheoretiker vor, verliert im Ringen um Solidarität und gesellschaftlichen Konsens immer mehr an Boden und die Wissenschaft kann ihren Heilsanspruch – er meint wohl das Wissen wo es langgeht – nicht einlösen. Zu viele Fragen lassen sich mit wissenschaftlichen Methoden verbindlich nicht beantworten. Ohne Antworten keine Kommunikation, ohne Kommunikation kein Konsens.

Für Habermas steht schon lange fest, dass vernünftiges Denken, wenn es denn gesellschaftswirksam sein will – und wer will das nicht – dem Potential religiösen Denkens zuwenden soll. Die alten Metaphysiker schwärmen vom guten Leben im Garten Eden. Warum soll man diese inspirierende Kraft nicht hier und heute nutzbar machen, zumal sich das moderne Denken vom uralten Heilsversprechen nach Erlösung abgekoppelt hat. Zugleich erschließt sich eine Kraftquelle, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder einrenken könnte und sogar den Weg in Richtung einer künftigen Weltgesellschaft ebnet. In der Phantasie eines religiös entflammten Sozialphilosophen ist alles möglich. Mit einer Ausnahme: Grundlegende Rechtssysteme gehören in die Hände des Staates. Daran beisst sich auch die göttliche Vorsehung die Zähne aus.

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Im Dialog: Krise ohne Ende (2)

European Union

Image by erjkprunczyk via Flickr

03.11.2011 – Wir sitzen in einem Cafe in Salzburg, das Wetter hat bessere Laune als die Stimmung am Tisch. Es geht um das Referendum der griechischen Regierung und den aktuellen Verlauf der Krise. Die erste Frage zielt auf die Reaktionen der EU-Staaten angesichts der Ankündigungen aus Athen.

Die griechische Staatsregierung hat schwere Betroffenheit bei den führenden EU-Politikern ausgelöst – ist eine Volksabstimmung nicht ein legitimes Mittel in einer Demokratie?

Ja natürlich. Aber eigentlich spielt das keine Rolle und zwar auf beiden Seiten. Die Euro-Gruppe will mit ihren Beschlüssen die Finanzmärkte beruhigen indem sie Athen mit allen Mitteln auf einen Euro-konformen Kurs zwingt. Wie das aussieht steht unmißverständlich in den Auflagen, die mit den Kredittransfers verbunden sind, also Sparkurs, Privatisierung, Entlassungen und Wirtschaft ankurbeln. Da geht es nicht um Demokratieideale sondern um Realpolitik. Jedem ist klar, dass die Brüsseler Beschlüsse kein Freundschaftsdienst sind sondern ein beinharter Eingriff in die griechische Gesellschaft und die staatliche Souveränität, auch wenn manchmal von einem großzügigen Angebot die Rede ist. Das aber ist Schönfärberei.

Trotzdem gleicht der Vorstoß einem politischen Eiertanz, der mehr riskiert, als notwendig.

Papanderou bleibt nichts anderes übrig, als die Programmpunkte seiner europäischen Partner Punkt für Punkt umzusetzen. Da ist reichlich Führungsstärke gefragt, die er und seine Partei einfach nicht haben. Deshalb die Vertrauensfrage und das Referendum. Ein nicht ganz ungeschickter Schachzug, denn eine Volksabstimmung hat auch Hebelwirkung, die dem Premier den Rücken stärken könnte. Ansonsten Amtsverzicht an der Regierungsspitze wegen allzu heikler Aussichten mit Blick auf die Durchsetzung der Auflagen. Zyniker sagen auch, dass in der Euro-Liga der erste Abstiegskandidat gefunden wurde.

Die Rettungsbemühungen geraten ja offensichtlich immer mehr zu einer Aufräumaktion unter den Mitspielern der Währungsunion …

Das sieht tatsächlich nicht sehr entspannt aus. Um den Euro als starke Währung und damit auch als starke Marke auf den Finanzmärkten zu erhalten, das ist ja das erklärte Ziel von Angela Merkel, müssen alle Mitgliedsstaaten ihren Beitrag leisten. Nur wer stellt eigentlich die Regeln auf, wer sagt, was ein Land zum Euro-Erfolg beizutragen hat? Nach dem bisherigen Krisenverlauf sind es eigentlich die Finanzmärkte, die den Takt vorgeben. Die Eckwerte aus dem Maastricht-Vertrag sind ja schon länger de facto außer Vollzug. Anleihen, die bis zu einem gewissen Grad den Handlungsspielraum eines Staates festlegen, sind ihrem Wert nach das Ergebnis von Spekulation. Ihre Marktrendite wird täglich im Handel ermittelt. Geldhändler und deren Geschäftsmotive entscheiden folglich darüber, was Staatsanleihen wert sind. Das stört Staaten überhaupt nicht, denn sie haben ja Markt und Währung selbst ins Leben gerufen und sie wollen Markt und Währung mit allen Mitteln verteidigen.

Können Sie das eigentlich gut heißen?

Es ist manchmal schwer nachvollziehbar, was da eigentlich passiert. Einerseits sind die Banken und das Finanzkapital vom Wohlwollen der Staaten und deren politischen Wachstumsprogrammen abhängig, andererseits entscheiden Geldbesitzer und Investoren über die Handlungsfähigkeit der Staaten, die sich an den Euro gebunden haben. Mir scheint da ringen sehr potente Parteien in einem harten Schlagabtausch um die Sicherung von Einflußsphären. Von Rettung eines in Not geratenen Nichtschwimmers kann da eigentlich nicht die Rede sein.

Im Dialog: Krise ohne Ende (1)

14.10.2011 – Im folgenden findet sich die Zusammenfassung von Gesprächen, die einem schillernden Thema nachgehen. Zu Wort kommen ein Volkswissenschaftler, ein Gesellschaftswissenschaftler, ein Hochschullehrer und ein Normalverbraucher. Es handelt sich um Interviews, die zu einem Gespräch aus- und umgebaut wurden und insofern keine wörtliche Wiedergabe darstellen. Der rote Faden ergibt sich aus den Fragen und Antworten.

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas spricht von einem Konstruktionsfehler der Währungsunion, Peter Sloterdijk, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie Professor für Philosophie und Ästhetik, sagt, man müsse die Realität der Krise erst mal im Ernst begreifen und fügt in einem Interview hinzu, dass die Art und Weise, wie regierende Hausmeister im Dunkeln Megamilliarden hin- und herschieben, (…) eine Beleidigung für jede Intelligenz sei. Was ist dran am Konstruktionsfehler und sind Sie beleidigt angesichts milliardenschwerer Interventionen durch die Politik?

Der Konstruktionsfehler ist nicht unbekannt und wird seit dem Gründungsakt des gemeinsamen EU-Marktes vor mehr als zwanzig Jahren immer wieder zitiert. Ich erinnere mich, dass schon sehr früh kritische Stimmen den Rückschnitt der Idee eines vereinten Europas auf eine reine Freinhandelszone bemängeln. Europa ist in der Hauptsache EU-Markt. Einfach gesagt, schließen sich konkurrierende Staaten zu einer Union zusammen und unterbinden damit nicht ihre Konkurrenzsituation, sondern verschärfen sie sogar. Mit dem Euro unterliegen sie einem gemeinsamen Wertmaßstab, der ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Produktivität und Erfolg unmittelbar, also ohne nationalstaatliches Dazwischentreten festhält. Wachstum wird in Euro gemessen, egal ob es in Italien, Griechenland, Irland oder Deutschland stattfindet. Der egalisierte Erfolgsmaßstab trifft auf sehr unterschiedliche Volkswirtschaften, offensichtlich war man sich in Brüssel aber einig, dass Ausgleich vor allem durch Subventionen möglich ist. Die gemeinsame Währung nutzt natürlich demjenigen, der es versteht, aus dem ihm zur Verfügung stehenden Euro-Kredit ein Plus zu schlagen. Das haben alle nach Kräften gemacht und den gemeinsamen Währungsraum mit ihren Produkten und Dienstleistungen aufgerollt mit dem Ergebnis, dass es Gewinner und Verlierer gibt.

… das erklärt aber nicht die krisenhafte Verlaufsform von der Bankenschwäche bis zur Staatsverschuldung und der Euro-Krise.

Doch, das ist in diesem Ausgangspunkt enthalten. Denn die Staaten sind ja nicht von der Bühne abgetreten und haben es ihren Wirtschaftsakteuren überlassen, was am EU-Markt passiert. Sie haben kräftig mitgemischt und ihre Wirtschaft mit Krediten versorgt, die sie selbst bereitstellten oder bei der Europäischen Zentralbank beantragen mussten und auch geflossen sind. Alle Beitrittsländer sehen im Euro-Markt Chancen für eigenes Wachstum. Dasselbe gilt für die Geldbeschaffung via Anleihen. Das Kraftwerksgeschäft in Griechenland oder der Aufbau von modernen Kommunikationsnetzen sind Großprojekte an denen Konzerne gutes Geld verdienen, besichert durch nationalen Kredit, EU-Subventionen und Investorengelder und alles in Euro, also ohne Wechselkursrisiko. Dass solche Geschäfte Spekulanten anziehen und Banken beispielsweise in großem Stil griechische Staatsanleihen kaufen, um sie als eigene Finanzprodukte wieder zu kapitalisieren, ist ja kein Systemfehler, sondern Geschäftsbasis für die Finanzmärkte.

Wieso kommt es dann zu einem milliardenschweren Verschiebebahnhof, an dessen Ende sogar Staatshaushalte Gläubigerschutz benötigen?

Der stärkste Druck geht von den Finanzmärkten und den Ratingsagenturen aus. Mit jedem Kredit und jeder Anleihe ist der Anspruch an Rückzahlung und Zins gebunden, die während der Laufzeit des Kredits erwirtschaftet werden müssen. Dieses Versprechen, auf das Investoren vertrauen, erhielt im Verlauf der Finanzkrise ein dickes Fragezeichen. Der Lehmann-Crash und die darauf einsetzende Vernichtung von Vermögen in großem Stil bis hin zur heutigen Lage der Euro-Zone basiert letztlich auf nicht bedientem oder nicht mehr bedienbarem Kredit. Das betrifft sowohl Geschäfts- als auch Staatsschulden. Aus Sicht der Finanzakteure ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich der Schuldenüberhang einzelner Staaten durch nationales Wachstum und vermehrte Steuereinnahmen ausgleichen lässt. Also wird Geld umgeschichtet, nach neuen Anlagensphären gefahndet oder gegen den Euro spekuliert, um daraus vielleicht das ein oder andere Plus zu ziehen. Die Ratingagenturen sind im Fall von Staatshaushalten eigemtlich nichts anderes als volkswirtschaftliche Bonitätsprüfer, die den Investoren Rahmendaten liefern.

Kommen wir zurück auf die Hausmeister und die Milliardenbeträge, die sie hin- und herschieben. Es geht dabei ja nicht nur um Liquidität und Zahlungsfähigkeit, sondern hauptsächlich um Sicherheiten für Geldbesitzer und Kreditwirtschaft.

Ein besicherter Geldumlauf ist die notwendige Voraussetzung für funktionierende Geschäftsmodelle. Das eigenartige dabei ist allerdings, dass bei erfolgreichem Geschäftsverlauf niemand danach fragt, ob dieser mit Schuldtiteln oder Eigenkapital angestoßen wurde. Im Gegenteil. Der kreditfinanzierte Anteil am Wachstum liegt bei nahezu 100 Prozent, Eigenkapital ist lediglich ein marginaler Sicherheitspuffer. Was Politik, Notenbank und Bankenaufsicht machen ist der Versuch, mit enormen Summen die Vertrauensbasis in das Kapitalmarktgeschäft wieder herzustellen. Der ökonomische Sachverstand fühlt sich dabei keineswegs beleidigt. Denn ohne Bad Banks und frischer Kreditausstattung wäre der Wirtschaftskreislauf überhaupt nicht wieder in Gang gekommen. Die Bedrohung durch Konkurs großer Bankhäuser und damit verbundener Kettenreaktionen ist wegen der Höhe der Schulden, die in den Büchern schlummern, ausreichend, um eine ganze Volkswirtschaft aus dem Tritt zu bringen.

Wenn es um die Absicherung von Geldwert, Anleihen und anderen Wertpapieren geht ist das nicht nur eine finanztechnische Frage. Denn die milliardenschweren Bürgschaften für notleidende Staaten bedeuten eine politische Belastung der Unionspartner. Um den Wert von Staatspapieren eines als kreditunwürdig eingestuften Staates zu garantieren, müssen finanzstarke Staaten ihren eigenen Haushalt überziehen. Das kommt eigentlich einer Umschichtung von Schulden der schwachen EU-Mitglieder auf die noch geschäftsfähigen EU-Staaten gleich – und schwächt deren Haushaltslage. Geht der Schuss nach hinten los?

Das kann man so sehen. Streng genommen widerspricht so ein Rettungsplan allerdings der ökonomischen Logik. Wenn Staaten mit intakter Geldversorgung die Schulden von anderen Staaten übernehmen, deren Kreditwürdigkeit in Frage steht, konterkarieren sie die Risikobewertung durch die Investoren. Die Probleme potenzieren sich sogar, denn um die Wertstabilität von Anleihen, Geld und anderen Finanzprodukten zu erhalten, müssen sie entwertet werden. Wie soll das gehen? Das Schuldenstreichen bedeutet nun mal Verlust mit den damit verbunden Turbulenzen. Jeder Geschäftsmann versucht das zu vermeiden.