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FAQ Krise (6) – Hart gekocht, weich gespült

Flag of Maastricht

13.10.2012 – Kaum ein Tag vergeht an dem nicht neue Krisennachrichten die Runde machen. Ob der jetzt gestartete Stabilitätsmechanismus tatsächlich die internationale Finanzwelt durch seine schiere Größe beeindruckt sei dahingestellt. Ob es sich um das letzte Aufgebot oder einen Feuerlöscher mit Zuschalthebel handelt lässt sich schwer beantworten – jedenfalls ist das nicht Gegenstand des folgenden Gesprächs.

Rettungsschirm klingt beruhigend, ebenso versichern die ESM-Verantwortlichen, dass jetzt der Starke dem Schwachen die Hand reicht. Sind solche Metaphern eigentlich realistisch?

Nein, natürlich nicht. Es ist bekannt und wer will kann es überall nachlesen, daß die Krisenbewältigung in den EU-Staaten von deren Bevölkerung einen hohen Preis einfordert. Blickt man auf die Brennpunkte in Griechenland oder Spanien ist ein Verarmungsprogramm unterwegs, das dramatische Züge annimmt. Auch in den noch erfolgreichen EU-Staaten wird seit langem an der Einkommensschraube gedreht, um Produktivität und Wettbewerbskraft hoch zuhalten. Wohnungsnot und Altersarmut wird debattiert, der Niedriglohnsektor erfährt eine personelle Aufstockung ungeahnten Ausmaßes. Gleichzeitig stellen die Euro-Partner einen riesigen Geldsack hin und laden alle notleidenden Staaten ein, sich unter bestimmten Auflagen zu bedienen. Schon diese Tatsache lässt aufhorchen. Seltsamerweise schrecken die finanzschwachen Staaten vor einem Zugriff zurück, obwohl sie das Geld dringend gebrauchen könnten – ihre Bevölkerung übrigens auch, doch die marschiert in wachsenden Teilen geradewegs in die Verarmung.

Woran liegt das?

Das Öffnen der Geldschleusen ist nicht so gemeint, dass jeder kriegt, was er braucht. Nicht einmal die von Einnahme- und Zahlungsnot bedrohten Staaten. Im September beschloss der EZB-Rat ein Anleihekaufprogramm das praktisch keine Obergrenzen kennt, aber dem betroffenen Staat jede Menge Auflagen beschert. Zwar kauft die Zentralbank auch marode Staatspapiere – und erhöht damit die zirkulierende Geldmenge um eben diesen Betrag – schreibt aber dem Schuldner vor, wie er mit dem Geld zu wirtschaften hat. Das ist einerseits ein massiver Eingriff in die Haushaltssouveränität der Staaten, bedeutet aber auch in anderer Hinsicht nichts Gutes. Es regnet Geld und gleichzeitig beginnen in Athen und anderswo die Menschen geldfrei zu tauschen, um überhaupt noch an was ran zu kommen. Ganz offensichtlich zielt der freigesetzte Kredit auf etwas ganz anderes als Notlagen von der Bevölkerung abzuhalten. Die nimmt man ja geradezu in Kauf.

Das kann man aber auch ganz anders sehen, nämlich als Anstoß zur Haushaltssanierung und Wiederherstellung der nationalen Wettbewerbskraft …

Das sind die großen Überschriften, die ebenfalls so nett und vor allem einleuchtend klingen, hinter denen aber nichts anderes steckt, als der politische Wille zur gnadenlosen Durchsetzung der Gemeinschaftswährung. Zumindest sieht es im Moment so aus, als ob die führenden EU-Staaten nochmals den Versuch starten alle Euro-Verbindlichkeiten irgendwie in Kraft zu lassen also keinen Schuldenschnitt durchzuführen. Eine Gemeinschaftswährung hart wie Krupp-Stahl gewissermaßen. Das heißt freilich, dass Finanzhilfen an eben diese Bedingung geknüpft sind. EZB-Geld steht nicht frei zur Verfügung sondern steht unter dem Vorbehalt der Kontrolle. Der Geldfluss ist an ein Erfolgskriterium gebunden. Man kann das als Durchsetzung der Maastricht-Regeln – Defizitquote des Staatshaushalts von höchstens drei Prozent und Schuldenquote unterhalb 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – ansehen, aber das bekommt derzeit ohnehin keiner hin. Was bleibt ist trotz massiver Finanzkrise die Einschwörung auf die Maastricht-Kriterien aller Euro-Staaten. Den meisten Staaten steht allerdings das Wasser bis zum Hals und das liegt sicherlich nicht an Strandparty und mediterranem Schlendrian.

Trotzdem hängt von einer stabilen Euro-Währung doch einiges ab. Lohnt sich für die EU-Staaten das Festhalten am Euro nicht mehr?

Witzigerweise sind es ja die Finanzmärkte, die gegen den Euro spekulieren und das Vertrauen in diese Währung in Frage stellen. Deshalb wird auch diesem Klientel der rote Teppich ausgerollt. Selbstverständlich nimmt jeder Politiker, Wirtschaftskolumnist oder Fernsehmoderator die Geldsorgen der Normalverdiener und die Existenzbedrohung weiter Bevölkerungskreise zur Kenntnis. Aber daran ändern lässt sich leider nichts. Jedenfalls nicht jetzt, während all die Maßnahmen zur Krisenbewältigung in Gang gesetzt werden und systemische Fragen der erfolgreichen Kreditbewirtschaftung auf der Agenda stehen. Wie lässt sich das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen und neues Kapital anlocken, darüber zerbrechen sich Finanzminister den Kopf. Anders gesagt: Wie kann man den Euro wieder zum attraktiven Geschäftsobjekt machen. Um die Finanzmärkte zu beruhigen, lassen die Euro-Partner ihre gewaltigen Programme vom Stapel in der Hoffnung, dass sich potente Geldbesitzer beeindrucken lassen und wieder vermehrt in Anleihen engagieren und darüber die Refinanzierungskosten der Staatskassen sinken.

Und was ist mit Otto Normalverbraucher?

Der kommt in diesem Geschehen als Steuerzahler und Arbeitskraft vor. Mitunter erfährt er eine gewisse Wertschätzung als Familiengründer, Kaufkraft oder Wähler. Das klingt nach viel, könnte man meinen, aber so richtig berauschend ist das alles nicht, auch wenn der Steuerzahler ja gerne zum eigentlichen Subjekt all der Maßnahmen stilisiert wird. Man erinnert in aller Bescheidenheit gern daran, dass die staatlichen Soforthilfen und Milliardenbürgschaften zur Euro-Rettung letztlich Steuergelder sind. Folglich ist der Steuerzahler eigentlich der Geldgeber …

Der zahlt ja auch die Zeche …

Na ja, er leistet seinen Beitrag zum Erfolg des großen Ganzen. Man könnte auch sagen, er zockt mit am Leistungserfolg seiner Nation. Allerdings nicht ganz freiwillig. Wer seine Abgaben dem Finanzamt vorenthält bekommt Ärger, notfalls bis zum Gerichtsvollzieher. Außerdem gibt es praktisch nichts, was nicht mit irgendeiner Steuerart belegt wäre. Ich will damit sagen, Steuerboykott wegen falscher Ausgabenpolitik lässt die öffentliche Hand nicht durchgehen. Der Steuerzahler ist so ein allgemeines, blutleeres Subjekt wie das Geld, das er abdrückt oder die Spekulationsgeschäfte, die Banken damit machen. Trotzdem dreht sich alles um diese abstrakten Protagonisten.

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Krise im Dialog – Macht und Geld (5)

 

21.02.2012 – Es findet auf offener Bühne statt, trotzdem bleibt vieles  an dem Endlosstück Krise zweideutig. Im Caféhaus-Gespräch findet die Frage, wie lässt sich der Euro noch retten, kaum Beachtung. Dafür belebt sich die Diskussion bei den Stichworten Geld und Macht. Hier die dialogische Zusammenfassung, die zeigt, dass der Krisenverlauf dieses alte Thema mit neuen Aspekten befeuert.

Es gibt die Auffassung, dass der staatliche Souverän nicht dem Diktat von Banken und Industrie unterliegt, auch nicht im Krisenfall. Gleichwohl liegt ihm sehr viel daran, dass Wachstum und Geldvermehrung stattfinden, also die rechtlichen Voraussetzungen für alle wirtschaftlichen Aktivitäten gegeben sind und – siehe Rettungsschirme – einiges dafür unternimmt, dass die Euro-Wirtschaft funktionsfähig bleibt. Ist Geld die materialisierte Macht?

Es soll Ökonomen geben, die im Geld nichts anderes sehen, als ein Tausch- und Schmiermittel für den Handel und die Produktion. Die Finanzmärkte sind aus dieser Sicht Vermittler von Geld, das sie sowohl einsammeln und verwalten als auch ausgeben, um nach einer bestimmten Zeit vermehrt zurückzubekommen. EZB und Nationalbanken versorgen dieses Treiben mit den notwendigen Kreditgeldern und bilden zusammen mit den privaten Banken eine Art Geldbeschaffungssystem, das nach festen Regeln läuft und letztlich der Refinanzierung von Geschäften aller Art dient. Das kann man als harmonisches Hin und Her sehen, als vorbildhafte Marktwirtschaft zum Wohle aller. Genauer betrachtet aber steckt im Geld ganz andere Sprengkraft als landläufig kolportiert. Das Tauschmittel der Anfangsjahre hat zu seiner vermittelnden Eigenschaft noch ganz andere Qualitäten hinzugewonnen mit vielfältigen Neben- und Hebelwirkungen. Das Beispiel Griechenland zeigt eine Abhängigkeit vom Finanzmarkt und dem dort gehandelten Schmierstoff, die sogar einen ausgereiften Rechtsstaat in den Bankrott treiben kann. Offenbar beinhaltet Geld sehr viel Macht über Land und Leute. Wer darüber nicht verfügt, bekommt ein Problem. Unter bestimmten Umständen – siehe Griechenland – reicht das, um staatlichen Handlungsspielraum einzuschränken und eine intakte Gesellschaft in Armut und Verzweifelung zu stürzen.

Sie lassen aber kein gutes Haar in der Suppe. Eine Geldwirtschaft hat doch sehr viele positive Seiten, denken Sie an gut gefüllte Kaufhäuser, Autos, Haus- und Straßenbau oder Sportveranstaltungen. Es herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass der Kapitalismus das Fundament für Wohlstand ist …

Es ist sehr verwunderlich, dass Scheine und Münzen mit denen man seine Miete bezahlt oder die Brötchen kauft ein existenzbedrohliches Potential beinhalten. Jeder kennt das bei den Sozialfällen der Gesellschaft. Die kommen nicht ohne staatliche Stütze über die Runden. Das heisst doch: Ohne Geld kann man sich nicht mal das Lebensnotwendigste leisten. Wenn Geldquellen sprudeln, steht einem hingegen der Zugang zu allen Produkten und Dienstleistungen offen. Was nicht heisst, dass man jeden Tag an der Strandbar verbringen kann, bloß weil man den Drink bezahlen kann. Um Geld wird gestritten, sei es im Konkurrenzkampf um Marktanteile, vor Gerichten, bei Einkommensverhandlungen im Personalbüro oder auf der Straße. Griechenland hat in diesem Streit die Arschkarte gezogen: Schlechte Leistungsbilanzen, schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt, wachsender Schuldenstand des Staatshaushalts. Das Land ist gewissermaßen der Sozialfall auf Staatsebene, herbeigeführt von Investoren, die ihren Kredit aus dem Land abgezogen haben.

Ein ehernes Gesetz der Marktwirtschaft lautet, fremdes Geld musst du zurückzahlen. Schuldverhältnisse funktionieren nur auf dieser Basis. Hat Griechenland sich nicht selbst in eine schwierige Situation manövriert, indem es Kredit aufnahm ohne an die fällige Rückzahlung zu denken?

Jeder Geschäftsmann oder Endverbraucher geht zur Bank und holt sich einen Kredit. Sei es um erweiterte Geschäfte zu finanzieren, Schulden zu refinanzieren oder für den Autokauf. Der Staat hat seine Notenbank und bedient sich seinerseits kräftig am Kapitalmarkt. Auch Banken kreditieren sich untereinander. Die brauchen das Geld, um Finanzprodukte zu kaufen und zu verkaufen, als Zwischenfinanzierung für neue Anlagemöglichkeiten oder um den eigenen Wertfonds mit frischen Aktiva zu vergrößern damit Investoren das Gefühl beschleicht, dort einsteigen zu müssen. Wer sagt denn, dass Griechenland den EZB-Kredit einfach so mitgenommen hat? Die haben das Geld mit Sicherheit nicht in der Strandbar auf den Kopf gehauen. Übrigens wäre das Geld ja nicht weg, man schluckt ja Red Bull und nicht Euros. Die bleiben im Geldkreislauf und zirkulieren durch verschiedene Hände weiter. Bescheren dem Strandbarbesitzer ein Auskommen, der Getränkeindustrie üppige Gewinne. Vielleicht erhebt der Staat zu wenig Steuern auf die Getränkeindustrie, andererseits ist das Tourismusgeschäft traditionell eine solide Einnahmequelle gerade bei den Griechen.

Sie meinen, die haben eigentlich ganz richtig gewirtschaftet und geraten trotzdem in eine Schieflage?

Es heisst die Griechen haben eine katastrophale Leistungsbilanz mit immensem Importüberschuß und wenig Export. Also mehr aus dem Ausland eingekauft als dorthin verkauft. Das heisst, ausländische Firmen haben ihre Waren und Dienstleistungen in das Land reingetragen und das dort liegende Geld aus EZB-Krediten, Euro-Subventionen und Anleiheverkäufen eingeworben und entweder wieder rausgehlot oder reinvestiert, um noch mehr rauszuholen. Der Vorwurf an den griechischen Staat gipfelt an dieser Stelle eigentlich darin, dass das Finanzministerium an diesem Treiben seine Steuereinnahmen nicht hochgetrieben hat und diese Euro-finanzierte Geschäftstätigkeit nicht in mehr Haushaltsgeld ummünzen konnte. Ich weiss nicht, was Griechenland auf den EU-Markt hätte exportieren sollen. Mehr Olivenöl? Spanien produziert massenhaft davon oder andere Agrarprodukte? Mit Honig oder Zucchini lässt sich eine negative Leistungsbilanz kaum aufpolieren. Griechenland verfügt auch über kein industrielles Produktionsniveau, das international mithalten kann. Allerdings war das lange vor der Krise klar. Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes war vor dem Euro-Beitritt nicht vorhanden und sollte eigentlich durch die Währungsunion in Gang kommen. Das ist bislang nicht gelungen.

Krise im Dialog – Schwere Kost

25.01.2012 – Ein kleiner Kreis in einer Café-Ecke, Innenstadt Wien. Soeben endete ein Vortrag über Menschen, Macht und Krise. Im Gespräch die Frage, warum es so schwer ist, die anhaltende Schuldenkrise und die drohende Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen moderner Staaten einzudämmen. Niemand will Patentrezepte an die wirtschaftlichen und politischen Chefetagen und Kommandozentralen verteilen. Das Gespräch dreht sich um grundlegende Betrachtungen zum Krisengeschehen.

Auch nach fünf Jahren Krisenbekämpfung durch Freikauf der überschuldeten Finanzbranche und Sicherheitsgarantien in dreistelliger Milliardenhöhe zeichnet sich kein Ende ab. Sind die kreditbewirtschaftete Marktwirtschaft und die sie tragenden Staaten am Ende?

Nach Äußerungen maßgeblicher Volkswirte und Chefökonomen sieht es nicht danach aus. Alle Anstrengungen konzentrieren sich darauf, das Zahlungssystem und den Euro am Leben zu erhalten. Offenbar liegt die Euro-Rettung noch im Kalkül der Euro-Staaten, andererseits herrscht Streit über einzelne Maßnahmen und deren Wirkung. Griechenland, Portugal oder Irland sind ja völlig anders betroffen als Deutschland oder Frankreich. Bei den Griechen ist der Bonitätsverlust eingetreten, entsprechend verheerend sind die Auswirkungen. Verarmung der Bevölkerung, fortschreitende Erlahmung der Geschäftstätigkeit, Souveränitätsverlust auf der politischen Ebene. Die führenden EU-Nationen haben zwar auch gewaltigen Schrott im Keller, schaffen aber noch die Fristverlängerung bis zum nächsten Stresstest. Das kann man am Zinssatz bei Anleihe-Auktionen ablesen, aber auch am Auftritt maßgeblicher Politiker. Die Troika reist eben nach Athen und nicht nach Berlin.

Es sieht danach aus, als ob ökonomische Macht am längeren Hebel sitzt …

Beim Thema Zerfall der Euro-Zone kann ich mir nicht vorstellen, dass Bank- und Konzernvorstände begeistert sind. Die Geschäftsgrundlage der Banker ist die Verwertung von eingesetztem Kapital und wenn das überwiegend Euros sind, ist eine Entwertung der Währung gleichbedeutend mit der Gefährdung ihres Unternehmenszwecks. Rendite muss die von Staatsseite eingerichtete und beaufsichtigte Wirtschaft schon hergeben und das tut sie auch in Krisenzeiten. Macht bedeutet in diesem Zusammenhang einfach Sicherstellen des Geschäfts. Und da ziehen Finanzwirtschaft und Staat an einem Strang, die einen wollen gute Bilanzen auf dem Tisch, die anderen Wachstum sehen. Unterschiede gibt es allerdings in der Aufgabenstellung. Politiker managen den ganzen Laden, Banker wollen Geld vermehren. Das ist zwar auch nicht ganz unwichtig, deckt aber längst nicht den Bereich hoheitlicher Aufgaben ab. Der Staat sitzt im Zweifelsfall immer am längeren Hebel. Er ist Gesetzgeber, oberster Befehlshaber und Geldgarant in einem. Den Wert des Geldes kann er allerdings nicht per Verordnung festlegen, die gesetzliche Gültigkeit von Banknoten samt Kleingeld schon. Beim Werterhalt des Geldes ist der Staat auf seine Wirtschaft angewiesen, die täglich gewissermaßen beweisen muss, dass sie Wertschöpfung zustande bringt. Läuft diese ganze Verwertungskette einschließlich Geldrückfluss aus den Verkäufen findet Wachstum statt. Platzen die Geschäfte, schrumpfen auch die staatlichen Bilanzen. Anders ausgedrückt: Dem Souverän schwinden die Kräfte.

Kommen wir auf die Krise zurück. Verstehen Sie überhaupt, was da passiert?

Wenn Sie sagen, da schaufeln alle an ihrem eigenen Grab, dann ist das weder richtig, noch falsch. Dass Spekulanten am Finanzmarkt auf zukünftige Geschäfte setzen und dabei traumhafte Gewinne einstecken ist doch ein sehr ehrenwerter und gesellschaftlich hoch angesehener Beruf. Erst wenn sich die Verluste häufen, Misserfolge einstellen, rümpfen einige die Nase. Krise tritt eigentlich erst in den Kreis der Wahrnehmung, wenn Zinslasten die normale Geschäftstätigkeit beeinträchtigen, also Zahlungsschwierigkeiten nicht vereinzelt sondern in steigendem Maße auftreten. Die übliche Reaktion auf so eine Situation ist die Stundung von Gläubigerforderungen also die zeitlicher Aufschub von fälligen Zahlungen. Auch das ein völlig übliches Verhalten zwischen Banken, Unternehmen und auch Privatmenschen. Dazu versucht jeder Geschäftsmann, wenigstens mit Krediten, also Neuverschuldung, die alten Schulden soweit auszubügeln, dass man in seiner unternehmerischen Existenz weitermachen kann. Dann wird zwar der Preis fürs Weitermachen höher, aber es gibt ja noch genügend Handlungsspielraum, um sich lukrative Aufträge zu sichern, die Kosten zu optimieren und den Produktionsausstoß hochzufahren. Soweit ist mir das geläufig. Warum Schulden, die ja immer als Schmiermittel für Wachstum angesehen werden, plötzlich ins Gegenteil sich verkehren, ist schwer nachzuvollziehen.

Das Verhältnis von Schulden und Ertrag unterliegt generell den Marktschwankungen sowohl im Warenhandel als auch im Finanzbereich. Jeder Konzernbericht weist aber in normalen Jahren eine Ertragssteigerung aus, das gilt auch für das jährliche Bruttoinlandsprodukt und all die anderen Leistungsindikatoren.

Sie sind ja sehr optimistisch, was die Ertragsseite betrifft. Sicherlich sind die Jahresbilanzen der Industrie und der Dienstleister sehr gut, dem steht aber eine Staatsbilanz gegenüber, die alles andere als beruhigend ist. In Deutschland summiert sich die Schuldenlast auf zwei Billionen Euro, dagegen ist Griechenland ja geradezu ein Musterknabe. Verbindlichkeiten dieser Größenordnung sind unvereinbar mit der Vorstellung von blühenden Landschaften. Wollte der Staat seine Schulden begleichen, müsste er von seinen Bürgern zwei Billionen Euro eintreiben. Das käme der Vernichtung von Vermögen in der gleichen Größenordnung gleich. Das Geld landet auf Gläubigerkonten im In- und Ausland. Der Staat müsste dann sofort wieder die Kreditmaschine anwerfen, um den Vermögensentzug zumindest in Bahnen zu halten, von denen keine Gefahren für die Wirtschaftstätigkeit und damit für Steuereinnahmen ausgehen. Die Entschuldung provoziert die Neuverschuldung.

So, jetzt bestellen wir erst mal eine Runde, bevor wir weitermachen ….

Im Dialog: Krise ohne Ende (2)

European Union

Image by erjkprunczyk via Flickr

03.11.2011 – Wir sitzen in einem Cafe in Salzburg, das Wetter hat bessere Laune als die Stimmung am Tisch. Es geht um das Referendum der griechischen Regierung und den aktuellen Verlauf der Krise. Die erste Frage zielt auf die Reaktionen der EU-Staaten angesichts der Ankündigungen aus Athen.

Die griechische Staatsregierung hat schwere Betroffenheit bei den führenden EU-Politikern ausgelöst – ist eine Volksabstimmung nicht ein legitimes Mittel in einer Demokratie?

Ja natürlich. Aber eigentlich spielt das keine Rolle und zwar auf beiden Seiten. Die Euro-Gruppe will mit ihren Beschlüssen die Finanzmärkte beruhigen indem sie Athen mit allen Mitteln auf einen Euro-konformen Kurs zwingt. Wie das aussieht steht unmißverständlich in den Auflagen, die mit den Kredittransfers verbunden sind, also Sparkurs, Privatisierung, Entlassungen und Wirtschaft ankurbeln. Da geht es nicht um Demokratieideale sondern um Realpolitik. Jedem ist klar, dass die Brüsseler Beschlüsse kein Freundschaftsdienst sind sondern ein beinharter Eingriff in die griechische Gesellschaft und die staatliche Souveränität, auch wenn manchmal von einem großzügigen Angebot die Rede ist. Das aber ist Schönfärberei.

Trotzdem gleicht der Vorstoß einem politischen Eiertanz, der mehr riskiert, als notwendig.

Papanderou bleibt nichts anderes übrig, als die Programmpunkte seiner europäischen Partner Punkt für Punkt umzusetzen. Da ist reichlich Führungsstärke gefragt, die er und seine Partei einfach nicht haben. Deshalb die Vertrauensfrage und das Referendum. Ein nicht ganz ungeschickter Schachzug, denn eine Volksabstimmung hat auch Hebelwirkung, die dem Premier den Rücken stärken könnte. Ansonsten Amtsverzicht an der Regierungsspitze wegen allzu heikler Aussichten mit Blick auf die Durchsetzung der Auflagen. Zyniker sagen auch, dass in der Euro-Liga der erste Abstiegskandidat gefunden wurde.

Die Rettungsbemühungen geraten ja offensichtlich immer mehr zu einer Aufräumaktion unter den Mitspielern der Währungsunion …

Das sieht tatsächlich nicht sehr entspannt aus. Um den Euro als starke Währung und damit auch als starke Marke auf den Finanzmärkten zu erhalten, das ist ja das erklärte Ziel von Angela Merkel, müssen alle Mitgliedsstaaten ihren Beitrag leisten. Nur wer stellt eigentlich die Regeln auf, wer sagt, was ein Land zum Euro-Erfolg beizutragen hat? Nach dem bisherigen Krisenverlauf sind es eigentlich die Finanzmärkte, die den Takt vorgeben. Die Eckwerte aus dem Maastricht-Vertrag sind ja schon länger de facto außer Vollzug. Anleihen, die bis zu einem gewissen Grad den Handlungsspielraum eines Staates festlegen, sind ihrem Wert nach das Ergebnis von Spekulation. Ihre Marktrendite wird täglich im Handel ermittelt. Geldhändler und deren Geschäftsmotive entscheiden folglich darüber, was Staatsanleihen wert sind. Das stört Staaten überhaupt nicht, denn sie haben ja Markt und Währung selbst ins Leben gerufen und sie wollen Markt und Währung mit allen Mitteln verteidigen.

Können Sie das eigentlich gut heißen?

Es ist manchmal schwer nachvollziehbar, was da eigentlich passiert. Einerseits sind die Banken und das Finanzkapital vom Wohlwollen der Staaten und deren politischen Wachstumsprogrammen abhängig, andererseits entscheiden Geldbesitzer und Investoren über die Handlungsfähigkeit der Staaten, die sich an den Euro gebunden haben. Mir scheint da ringen sehr potente Parteien in einem harten Schlagabtausch um die Sicherung von Einflußsphären. Von Rettung eines in Not geratenen Nichtschwimmers kann da eigentlich nicht die Rede sein.