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Krise im Dialog – Schwere Kost

25.01.2012 – Ein kleiner Kreis in einer Café-Ecke, Innenstadt Wien. Soeben endete ein Vortrag über Menschen, Macht und Krise. Im Gespräch die Frage, warum es so schwer ist, die anhaltende Schuldenkrise und die drohende Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen moderner Staaten einzudämmen. Niemand will Patentrezepte an die wirtschaftlichen und politischen Chefetagen und Kommandozentralen verteilen. Das Gespräch dreht sich um grundlegende Betrachtungen zum Krisengeschehen.

Auch nach fünf Jahren Krisenbekämpfung durch Freikauf der überschuldeten Finanzbranche und Sicherheitsgarantien in dreistelliger Milliardenhöhe zeichnet sich kein Ende ab. Sind die kreditbewirtschaftete Marktwirtschaft und die sie tragenden Staaten am Ende?

Nach Äußerungen maßgeblicher Volkswirte und Chefökonomen sieht es nicht danach aus. Alle Anstrengungen konzentrieren sich darauf, das Zahlungssystem und den Euro am Leben zu erhalten. Offenbar liegt die Euro-Rettung noch im Kalkül der Euro-Staaten, andererseits herrscht Streit über einzelne Maßnahmen und deren Wirkung. Griechenland, Portugal oder Irland sind ja völlig anders betroffen als Deutschland oder Frankreich. Bei den Griechen ist der Bonitätsverlust eingetreten, entsprechend verheerend sind die Auswirkungen. Verarmung der Bevölkerung, fortschreitende Erlahmung der Geschäftstätigkeit, Souveränitätsverlust auf der politischen Ebene. Die führenden EU-Nationen haben zwar auch gewaltigen Schrott im Keller, schaffen aber noch die Fristverlängerung bis zum nächsten Stresstest. Das kann man am Zinssatz bei Anleihe-Auktionen ablesen, aber auch am Auftritt maßgeblicher Politiker. Die Troika reist eben nach Athen und nicht nach Berlin.

Es sieht danach aus, als ob ökonomische Macht am längeren Hebel sitzt …

Beim Thema Zerfall der Euro-Zone kann ich mir nicht vorstellen, dass Bank- und Konzernvorstände begeistert sind. Die Geschäftsgrundlage der Banker ist die Verwertung von eingesetztem Kapital und wenn das überwiegend Euros sind, ist eine Entwertung der Währung gleichbedeutend mit der Gefährdung ihres Unternehmenszwecks. Rendite muss die von Staatsseite eingerichtete und beaufsichtigte Wirtschaft schon hergeben und das tut sie auch in Krisenzeiten. Macht bedeutet in diesem Zusammenhang einfach Sicherstellen des Geschäfts. Und da ziehen Finanzwirtschaft und Staat an einem Strang, die einen wollen gute Bilanzen auf dem Tisch, die anderen Wachstum sehen. Unterschiede gibt es allerdings in der Aufgabenstellung. Politiker managen den ganzen Laden, Banker wollen Geld vermehren. Das ist zwar auch nicht ganz unwichtig, deckt aber längst nicht den Bereich hoheitlicher Aufgaben ab. Der Staat sitzt im Zweifelsfall immer am längeren Hebel. Er ist Gesetzgeber, oberster Befehlshaber und Geldgarant in einem. Den Wert des Geldes kann er allerdings nicht per Verordnung festlegen, die gesetzliche Gültigkeit von Banknoten samt Kleingeld schon. Beim Werterhalt des Geldes ist der Staat auf seine Wirtschaft angewiesen, die täglich gewissermaßen beweisen muss, dass sie Wertschöpfung zustande bringt. Läuft diese ganze Verwertungskette einschließlich Geldrückfluss aus den Verkäufen findet Wachstum statt. Platzen die Geschäfte, schrumpfen auch die staatlichen Bilanzen. Anders ausgedrückt: Dem Souverän schwinden die Kräfte.

Kommen wir auf die Krise zurück. Verstehen Sie überhaupt, was da passiert?

Wenn Sie sagen, da schaufeln alle an ihrem eigenen Grab, dann ist das weder richtig, noch falsch. Dass Spekulanten am Finanzmarkt auf zukünftige Geschäfte setzen und dabei traumhafte Gewinne einstecken ist doch ein sehr ehrenwerter und gesellschaftlich hoch angesehener Beruf. Erst wenn sich die Verluste häufen, Misserfolge einstellen, rümpfen einige die Nase. Krise tritt eigentlich erst in den Kreis der Wahrnehmung, wenn Zinslasten die normale Geschäftstätigkeit beeinträchtigen, also Zahlungsschwierigkeiten nicht vereinzelt sondern in steigendem Maße auftreten. Die übliche Reaktion auf so eine Situation ist die Stundung von Gläubigerforderungen also die zeitlicher Aufschub von fälligen Zahlungen. Auch das ein völlig übliches Verhalten zwischen Banken, Unternehmen und auch Privatmenschen. Dazu versucht jeder Geschäftsmann, wenigstens mit Krediten, also Neuverschuldung, die alten Schulden soweit auszubügeln, dass man in seiner unternehmerischen Existenz weitermachen kann. Dann wird zwar der Preis fürs Weitermachen höher, aber es gibt ja noch genügend Handlungsspielraum, um sich lukrative Aufträge zu sichern, die Kosten zu optimieren und den Produktionsausstoß hochzufahren. Soweit ist mir das geläufig. Warum Schulden, die ja immer als Schmiermittel für Wachstum angesehen werden, plötzlich ins Gegenteil sich verkehren, ist schwer nachzuvollziehen.

Das Verhältnis von Schulden und Ertrag unterliegt generell den Marktschwankungen sowohl im Warenhandel als auch im Finanzbereich. Jeder Konzernbericht weist aber in normalen Jahren eine Ertragssteigerung aus, das gilt auch für das jährliche Bruttoinlandsprodukt und all die anderen Leistungsindikatoren.

Sie sind ja sehr optimistisch, was die Ertragsseite betrifft. Sicherlich sind die Jahresbilanzen der Industrie und der Dienstleister sehr gut, dem steht aber eine Staatsbilanz gegenüber, die alles andere als beruhigend ist. In Deutschland summiert sich die Schuldenlast auf zwei Billionen Euro, dagegen ist Griechenland ja geradezu ein Musterknabe. Verbindlichkeiten dieser Größenordnung sind unvereinbar mit der Vorstellung von blühenden Landschaften. Wollte der Staat seine Schulden begleichen, müsste er von seinen Bürgern zwei Billionen Euro eintreiben. Das käme der Vernichtung von Vermögen in der gleichen Größenordnung gleich. Das Geld landet auf Gläubigerkonten im In- und Ausland. Der Staat müsste dann sofort wieder die Kreditmaschine anwerfen, um den Vermögensentzug zumindest in Bahnen zu halten, von denen keine Gefahren für die Wirtschaftstätigkeit und damit für Steuereinnahmen ausgehen. Die Entschuldung provoziert die Neuverschuldung.

So, jetzt bestellen wir erst mal eine Runde, bevor wir weitermachen ….

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Die Welt des Thilo Sarrazin

– 31.08.2010 – Die öffentliche Empörung schlägt hoch, doch der ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank bleibt cool. Kein Wunder, denn diese Aufmerksamkeit lässt jedes Verlegerherz höher schlagen und verschafft einem Buchautor jene Publicity, die er als erfolgsgewohnter Topmanager und Ex-Politiker erwartet. Sarrazin gehört zur Elite dieses Landes und bilanziert von dieser Warte aus. Ein kluger Kopf, der sich nur etwas verrannt hat, wie manche Kommentatoren bereits anmerken. Tatsächlich breitet der Banker nur seine Sorge um etwas aus, das jedem vertraut, ja auch ein Herzensanliegen ist: Deutschland ist in schlechter Verfassung und verliert ständig an Gewicht nach innen wie außen.

Auf der Suche nach den richtigen Talenten

Das lässt einen Elite-Mann modernen Zuschnitts nicht kalt. Denn auf Schwäche gibt es nur eine Antwort: Kräfte bündeln, Handbremse lösen und Gas geben. Da es sich aber nicht um die Fußballnationalmannschaft handelt, sondern um die staatlich organisierte Gemeinschaft, fällt das Fitnessprogramm etwas anders aus. Auf dem Prüfstand steht nämlich die gesamte Bevölkerung. Und siehe da, die Bevölkerung zerfällt in unterschiedliche Teile mit gegensätzlichen Interessen, Neigungen und Bedürfnissen. Wie aber lässt sich in dieser konfliktträchtigen Melange eine homogene Kraft für das Rettungsprogramm Deutschland entdecken? Wer als Manager Personalverantwortung trägt, weiß auch jetzt Bescheid: Leistungswille und Motivation müssen stimmen.

Knallhartes Auswahlverfahren

An dieser Stelle setzt Sarrazin ein Auswahlverfahren in Gang, das ein rechtsnationales Rekrutierungsbüro zur Bestandserhaltung germanischer Widerstandskraft nicht besser machen könnte. Kurz gefasst: Eine überzeugende Leistung für Deutschland bringt doch nur ein waschechter Deutscher zustande. Genau dieser aber ist in der Welt des Thilo Sarrazin ein knappes Gut, denn er hat sich von ausländischen Elementen vertreiben lassen. Tatsächlich untermauert der Banker aus Frankfurt seinen Deutschlandwahn mit rassistischen Versatzstücken aus dem vorigen Jahrhundert und krönt seine Auffassung mit der Behauptung, ein derart geschwächter Staat mit rassischer Fehlbesetzung kann nur eines: Sich selbst abschaffen.

Dass ein Elite-Banker in der noch aktuellen Finanzkrise das Szenario einer Selbstenthauptung weiterpflegt, spricht nicht gerade für den klaren Blick auf die wirklichen Verhältnisse. Das sieht eher nach einem Sammelbecken für deutschgestimmte Karrieristen aus, die Schwarz-rot-goldene Fahnen hissen, ihre Kräfte bündeln, die Handbremse lösen und vielleicht dereinst zur Parteigründung schreiten.