Burning Platforms – Wie lassen sich Altsysteme in neue Systemwelten migrieren

Wenn die Betriebskosten für alte Rechnerplattformen aus dem Ruder laufen, steht der Systemwechsel ins Haus. Doch was tun mit den Alt-Anwendungen?

Die Parkbank, die früher mal eine Aludose war, gibt es in der IT-Welt nicht. Jeder IT-Leiter weiß, dass die Rechnersysteme ein Verfallsdatum haben. Doch es gibt Software-Recycling, das alten Programmcode in eine neue Technologieumgebung verpflanzen kann und damit die bewährten Geschäftslogiken einer funktionierenden Organisation auch in Zukunft am Leben erhält.

Wer seine betagten Computer nicht im Griff hat, bekommt Ärger. Klare Anzeichen sind häufig auftauchende Performance-Probleme sowie steigende Instandhaltungs- und Wartungskosten der schwächelnden Plattform. Neue Speichersysteme, eine breitbandige Netzinfrastruktur sowie eine große Anzahl an sehr leistungsfähigen x86-Rechnern verändern die Systemlandschaft in immer kürzeren Zeitabschnitten. Die Schicksalsfrage lautet: Migrieren oder neu entwickeln?

Burning Platforms sind in Großkonzernen und Rechenzentren keine Seltenheit. Betagte Legacy-Systeme gibt es beinahe in jedem Rechenzentrum. „In den Mainframes stecken sehr hohe Investitionen“, weiß Migrationsspezialist Ernst Schierholz, Geschäftsführer der der Hamburger IT Modernisation UG, „deshalb überlegt jeder sehr genau, ob er überhaupt umsteigt.“ Häufig sträuben sich IT-Verantwortliche dagegen, die altgedienten Computerboliden einfach vom Netz zu nehmen und moderne, aber weniger bewährte Rechentechnik einzusetzen. Mancher Administrator schwört im kaufmännischen Umfeld gar auf die alten Cobol-Programme oder Assembler-Code, selbst wenn der Modernisierungsdruck durch Internet, Desktop Computing, Virtualisierung und Cloud-Computing wächst: „Viele Anwendungen laufen auch nach 20 Jahren noch sehr stabil“, betont Schierholz.

Grundsatzfragen begleiten IT-Administratoren ihr Berufsleben lang. Intel-Server und PCs mit Windows oder Modernisierung der alten Unix-Maschinen mit Desktop-Terminals, neue IBM-Rechner oder Blades von Hewlett Packard, eine Java-Plattform mit Cloud-Umgebung oder Client/Server-Architektur mit Apache-Server? Es gibt mehr als 8500 Computersprachen und in jedem größerem Unternehmen existieren meist mehrere Tausend Einzelprogramme, die technisch gesehen eine Mischung aus Standard- und selbstprogrammierten Spezialanwendungen bilden. Eine Neuprogrammierung der gesamten Code-Basis eines Unternehmens würde im Schnitt 20 Mannjahre verschlingen und Kosten von rund einer Million Euro verursachen.

Modernisierungsdruck bei knappen Budgets

Solche Kostenblöcke sind in Zeiten knapper IT-Budgets kein Pappenstiel. Doch beliebig weit von sich schieben kann man Migrationsentscheidungen nicht. Einer aktuellen Experton-Studie zufolge haben knapp 60 Prozent der Unternehmen mit mehr als 100 PC-Arbeitsplätzen eine fünf Jahre alte Version einer Office-Software im Einsatz. Das führt nach Ansicht von Axel Oppermann, Senior Advisor bei der Experton Group, zu „qualitativ schlechten Arbeitsprozessen, langen Durchlaufzyklen und einer geringen Flexibilität.“ Marode IT-Systeme sind der Bremsklotz für Geschäftsabläufe, die im Extremfall sogar die Arbeit der Gesamtorganisation beeinträchtigen.

Was aber tun? Experton empfiehlt eine schonungslose Revision der IT-Infrastruktur sowie eine gründliche Prüfung der vorliegenden Lizenz- und Nutzungsverträge. Aktuell verpassen Unternehmen, die auf Systeme aus den Jahren 2003 bis 2007/2008 setzen, die Innovationssprung neuer Entwicklungen. Dazu rechnet Experton die organische Verankerung wissensbasierte Arbeitsmodelle oder den Einzug moderner Instrumente und Methoden für Kollaboration, Reporting oder Analysen.

Ein anderer Weg heisst Standard-Software. Doch auch in diesem Fall sollten sich Entwickler nicht von den schöngefärbten Nachrichten aus den Marketingabteilungen beeindrucken lassen. Es gibt nämlich Werkzeuge und Spezialisten, die alte Cobol-Anwendungen sicher auf neue Intel-Server und x86-Desktops migrieren. Bekannteste Softwareschmiede hierfür ist Micro Focus. Mit der jetzt veröffentlichten Cobol-Plattform Visual Cobol R3 von Micro Focus lassen sich Cobol-Programme auch auf der Java Virtual Machine (JVM) oder in Microsofts Cloud-Infrastruktur Windows Azure einsetzen. Die Entwicklungswerkzeuge können mit Web-basierten Services ebenso umgehen wie mit Unix und Linux oder dem Microsoft Framework .Net.

Fortschritt mit Bewährtem

Zur Vermeidung von bösen Überraschungen empfiehlt Berater Schierholz, nicht vorbehaltlos den Lockrufen moderner Java-Gurus wie Oracle oder IBM zu folgen. Die Cobol-Anwendungen gehören in vielen Großsystemen keineswegs zum alten Eisen. Etwa 200 Milliarden Zeilen Code, so schätzt Schierholz, gibt es heute noch weltweit und jährlich kommen weitere fünf Milliarden neue Zeilen hinzu. Doch nicht alles, was Programmierer in den letzten 30 Jahren auf die Beine gestellt haben, ist bei Computernutzern und Systemadministratoren auf Gegenliebe gestoßen. Vor allem schufen die Codierprofis im Laufe der Zeit eine heterogene Systemlandschaft, deren Innenleben von Jahr zu Jahr komplexer und unübersichtlicher wird. Kein Wunder, dass längst totgesagte Programmiertechniken munter weiterleben. Ein Ende des Streits um die beste Plattform mit der richtigen Anwendung ist noch längst nicht in Sicht.

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