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Die Welt des Thilo Sarrazin

– 31.08.2010 – Die öffentliche Empörung schlägt hoch, doch der ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank bleibt cool. Kein Wunder, denn diese Aufmerksamkeit lässt jedes Verlegerherz höher schlagen und verschafft einem Buchautor jene Publicity, die er als erfolgsgewohnter Topmanager und Ex-Politiker erwartet. Sarrazin gehört zur Elite dieses Landes und bilanziert von dieser Warte aus. Ein kluger Kopf, der sich nur etwas verrannt hat, wie manche Kommentatoren bereits anmerken. Tatsächlich breitet der Banker nur seine Sorge um etwas aus, das jedem vertraut, ja auch ein Herzensanliegen ist: Deutschland ist in schlechter Verfassung und verliert ständig an Gewicht nach innen wie außen.

Auf der Suche nach den richtigen Talenten

Das lässt einen Elite-Mann modernen Zuschnitts nicht kalt. Denn auf Schwäche gibt es nur eine Antwort: Kräfte bündeln, Handbremse lösen und Gas geben. Da es sich aber nicht um die Fußballnationalmannschaft handelt, sondern um die staatlich organisierte Gemeinschaft, fällt das Fitnessprogramm etwas anders aus. Auf dem Prüfstand steht nämlich die gesamte Bevölkerung. Und siehe da, die Bevölkerung zerfällt in unterschiedliche Teile mit gegensätzlichen Interessen, Neigungen und Bedürfnissen. Wie aber lässt sich in dieser konfliktträchtigen Melange eine homogene Kraft für das Rettungsprogramm Deutschland entdecken? Wer als Manager Personalverantwortung trägt, weiß auch jetzt Bescheid: Leistungswille und Motivation müssen stimmen.

Knallhartes Auswahlverfahren

An dieser Stelle setzt Sarrazin ein Auswahlverfahren in Gang, das ein rechtsnationales Rekrutierungsbüro zur Bestandserhaltung germanischer Widerstandskraft nicht besser machen könnte. Kurz gefasst: Eine überzeugende Leistung für Deutschland bringt doch nur ein waschechter Deutscher zustande. Genau dieser aber ist in der Welt des Thilo Sarrazin ein knappes Gut, denn er hat sich von ausländischen Elementen vertreiben lassen. Tatsächlich untermauert der Banker aus Frankfurt seinen Deutschlandwahn mit rassistischen Versatzstücken aus dem vorigen Jahrhundert und krönt seine Auffassung mit der Behauptung, ein derart geschwächter Staat mit rassischer Fehlbesetzung kann nur eines: Sich selbst abschaffen.

Dass ein Elite-Banker in der noch aktuellen Finanzkrise das Szenario einer Selbstenthauptung weiterpflegt, spricht nicht gerade für den klaren Blick auf die wirklichen Verhältnisse. Das sieht eher nach einem Sammelbecken für deutschgestimmte Karrieristen aus, die Schwarz-rot-goldene Fahnen hissen, ihre Kräfte bündeln, die Handbremse lösen und vielleicht dereinst zur Parteigründung schreiten.

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Arithmetisches Mittel

In der Gesellschaft leben jede Menge Underdogs, die täglich damit beschäftigt sind, ihr Überleben in den Griff zu bekommen ohne den nächsten Supermarkt zu entern. Ihr Einkommen sind Geld- und Sachbezüge aus der öffentlichen Armenkasse mit dem sie auskommen müssen. Die Höhe des Lebensunterhalts hängt maßgeblich von den Festlegungen des zuständigen Arbeitsministeriums ab. Die derzeitige Kassenhüterin, Ursula von der Leyen, musste auf Grund einer Intervention des Bundesverfassungsgerichts die Hartz-IV-Sätze neu anpassen und siehe da, es steht ein neuer haushaltsverträgliche Höchstbetrag im Raum, nämlich fünf Euro mehr als bisher.

So sang- und klanglos wollen Opposition und Wohlfahrtsverbände die Neuregelung dem Ministerium nicht überlassen. Falsch gerechnet, tönt es aus den SPD-Reihen und auch die Finanzmathematiker der Wohlfahrtsverbände fangen an, die Berechnungsmethoden von Regierung und Statistischem Bundesamt anzuzweifeln. Der somit eröffnete Streit verwandelt die Diskussion um Armut in Deutschland in eine arithmetische Schulübung deren Ergebnis davon abhängt, was rechts und links der Gleichung einfließt. Mathematisch hat das Ministerium natürlich nicht falsch gerechnet und am Ende kam genau das Ergebnis heraus, mit dem das Regierungsressort in punkto Mehrausgaben leben kann.

Den haushaltskompatiblen Betrag für die 4,8 Millionen Hartz-IV-Empfänger durch eine andere Rechenvariante in Frage zu stellen ist mehr als müßig. Das Raus- und Reinrechnen von Daten aus Einkommens- und Verbrauchsstichproben führt natürlich zu anderen Zahlen. Doch was hat man damit eigentlich bewiesen? Sicherlich nicht, dass sich Sozialhilfeempfänger auch mit 394 Euro in einer trostlosen Zwangslage bewegen.