Monatsarchiv: Oktober 2007

Kurze Antworten auf letzte Fragen (1)

Schon mal gestorben? Eine wichtige Lebenserfahrung, die jeden ereilt, ob als Opfer einer Hungersnot, einer Attacke, einer Naturkatastrophe oder durch Organversagen. Für kulturphilosophische Deutungskünstler gehört der Tod zur Kategorie gut ausschmückbarer Interpretationen, denn der Mensch stirbt nicht einfach so. Der Tod spielt vielmehr eine äußerst vielschichtige, energiegeladene und auch karrierefördernde Rolle.

Wer kennt es nicht das Phänomen, dass Musiker und Künstler erst nach der Beerdigung den Status eines zeitlosen Denkmals erreichen. Rennpiloten der Formel-1 stehen mit einem Bein im Grab und holen dadurch ein paar Sekunden für den Sieg heraus. Gotic-Gruppen huldigen dem Leichentuchlook und fühlen sich erst als Grufties so richtig wohl. Für manchen Philosophen ist die Todeserfahrung der Schlüssel zum Leben und der Bundesverteidigungsminister wägt beim Abschussbefehl 80 Flugzeugleichen gegen 80 000 Stadionbesucher ab. Im kirchlichen Umfeld ist ständig von Trost und Erlösung die Rede und den sozialverträglichen Abgang legen nicht nur die Bilanzzahlen der vereinigten Krankenkassen nahe.

Da wird nicht nur einfach gestorben, sondern eben kulturphilosophisch (und gesellschaftspolitisch) am Sinn des Todes herumgemacht. Seinszugewandte Denker, wirkungsgeschichtlich sicherlich nicht unbedeutend, stürzen sich lustvoll in den Strudel letzter Gründe des existierenden Seienden (Welt) und Daseins (Mensch) und suchen nach dem Urprinzip, auch Sein genannt. Eine sprachlich grenzwertig aufbereitete Abhandlung liefert Martin Heidegger´s Standardwerk Sein und Zeit. Beim Nachlesen, um was es dem Seinsphilosophen denn eigentlich geht, stößt man bei der Grundverfassung des Menschen auf eine eigentümliche Stelle: Solange das Dasein als Seiendes ist, hat es seine Gänze nie erreicht. Sprich, um dem Sein des Menschen näher zu rücken, sollte man das existenzbehaftete Seiende fahren lassen. Der Tod als Tor zum eigentlichen Selbst.

Der schwäbische Philosoph feiert zwar nur die Möglichkeit zum Tod als Bestandteil des Lebens (das ist dann die ontologische Seinserfahrung), aber nur mit dem Tod gelingt der Eintritt in das Haus des Seins. Wer sich auf existenziell Erreichtes versteift oder gar mehr fordert, verfehlt den Sinn des Lebens. Existenzphilosophisch steht also einiges auf dem Spiel, zumal ideengeschichtlich die andere Totalitätsfrage nach dem Verhältnis von Leib und Seele respektive Geist noch gar nicht richtig zum Zug kam.

Auf diesem Feld fühlen sich die religiös eingefärbten Todesanalytiker besonders angesprochen. Zwar liegen die Denkhorizonte von Seinsphilosophen und Theologen nicht weit auseinender, aber das göttliche Prinzip eines Ganzen mit einem gewaltigen Schöpfer im Zentrum hat gesamt geschichtlich einen wesentlich größeren Einfluss auf das Denken und Handeln maßgeblicher (und unmaßgeblicher) Menschen. Machen wir´s kurz: Der Theologe postuliert, was der Philosoph umständlich deduziert: Gottes Wirklichkeit ist einfach größer als die menschliche Fähigkeit, diesen seinen Schöpfer zu erkennen. Die Vernunft scheitert schlicht am Erfassen der Wahrheit und muss sich mit der Tatsache bescheiden, die Frage überhaupt zu stellen.

Zusammengenommen also kommen sich die Interpretatoren aus den verschiedenen Denklagern doch sehr nahe. Der Sinn des Lebens ist einfach zu sein und das Schicksal zu tragen, in das man geworfen wird – der Tod fährt ohnehin immer mit.

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