Monthly Archives: April 2006

IT World

Materialschlacht im Nanokosmos

Die Chip-Hersteller sind grundgestimmte Optimisten und schrecken auch vor den Grenzen der Physik nicht zurück. Schließlich wollen sie auf der Moore´schen Miniaturisierungswelle weiter surfen, die alle paar Jahre dem PC-Desktop ein Verfallsdatum verpaßt. Intel quetscht erneut mehr Leistung aus den winzigen Siliziumstückchen und feiert gerade die neue Mikroarchitektur „Core“. Das Core-Label löst die alte Pentium-Generation ab.

Was auf der Marketingbühne abgeht, bringt die Entwickler ganz schön ins Schwitzen. Prozessor-Chips mit mehr als einer Milliarde Transistoren, gefertigt in einer 65-Nanometer-Produktion und hochgetaktet, wie kein anderer Logikschaltkreis je zuvor – das soll den PC-Absatz anheizen und den eigenen Marktanteil gegenüber der Konkurrenz – allen voran AMD – auf Jahre ausbauen.

Wenn man den Ausführungen von Intels Chief Technology Officer, Justin Rattner, folgt, geht es in den Forschungslabors seit einigen Monaten schwer zur Sache. Da mußte die Verlustleistung durch niedrigeren Stromverbrauch abgesenkt werden, da die Chips beim Schalten zu heiß wurden, eine neue Dotierung des Isolationsmaterials zwischen den dreidimensional geschichteten Leiterbahnen sollte deren bremsenden Einfluss auf die Ladungsträger in Schach halten und zu guter letzt wollte man auch gleich ein Chipdesign benutzen, das die spätere Herstellung von vierkernigen Mikroprozessoren ermöglicht.

Der Chipkonzern schaffte alles in Rekordzeit und zeigte erste Betas auf dem diesjährigen Entwicklungsforum IDF in San Franzisko. Prompt reagierte Konkurrent AMD angesichts des flotten Entwicklungstempos verschnupft und bezweifelte die Funktionsfähigkeit der dargebotenen Prototypen. Tatsächlich geraten die Hersteller immer näher an den Grenzbereich des technisch Machbaren. Die Materialien machen nicht mehr richtig mit, wenn die Strukturbreiten von Siliziumschaltkreisen unter der 40 Nanometer-Marke liegen. Das aber darf es laut Moore nicht geben. Also muß eine neue Materialmischung her, die das Silizium so weit streßt, daß auch in Zukunft der Miniaturisierungskurs erhalten bleibt. Indiumantimonid (InSb) heißt der neue Favorit und soll angeblich die Materialkosten nicht dramatisch nach oben treiben, wie es sein Bruder Galliumarsenid zum Leidwesen der Chiphersteller gemacht hat.

SAP sieht (mal wieder) Verkaufspotential
im Mittelstand

(beu) Der Markt wird seit jeher von professionellen IT-Marketiers Monat für Monat durchforstet, immer auf der Suche nach zahlungsfähiger Kundschaft. Vor allem der Mittelstand gilt hierzulande in Herstellerkreisen als Zielgruppe mit hohem Defizit an moderner Informationstechnik. Ein kleiner Nachteil ist mit diesem Klientel verbunden: Der Firmeninhaber läßt sich nur mit Engelsgeduld von größeren IT-Investitionen überzeugen. Und ausgerechnet das versuchen seit Jahren Heerscharen von Herstellern.

Der Balztanz um den Mittelstand ist voll entbrannt. Diverse Marktstudien kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, daß hierzulande bei zigtausenden Firmen die großen IT-Themen einfach nicht Fuß fassen konnten. Finanzen, Warenwirtschaft, Personal, Kundenbeziehung, Logistik, Auftragsplanung und Lieferantenbetreuung unterliegen im Mittelstand erst rudimentär dem Management von Hard-, Soft- und Middleware – zumindest, wenn man den Herstellern glauben möchte, die den resistenten Kunden draußen im Lande endlich den Übergang von DOS zu Windows für ihre Bestell- oder Kundensoftware nahe bringen wollen. Dieses Brachland will auch die Walldorfer SAP (mal wieder) urbar machen. Zum Jahreswechsel hat der Softwarekonzern einen neuen Geschäftsleiter Mittelstand installiert. Der bekennt sich zu den „Kleinen“, denn „da sehen wir das größte Potential“, hat er unlängst in einem Interview mit „Computer Reseller News“ erläutert, einem einschlägig bekannten Sprachrohr der Channel-Abteilungen der Hersteller.

Die Crux mit dem Kindergarten liegt darin, daß der Aufwand für Beratung und Implementierung auch bei Kleinprojekten schnell Dimensionen erreicht, die das IT-Budget der Anwender über Maßen strapazieren. Mittelständler sind deshalb bei Beratern und Marketiers unbeliebte Kunden, weil sie schlicht weniger Umsatz bei gleichem Arbeitseinsatz bringen. Doch statt das Geschäft anderen zu überlassen, öffnet Marktführer SAP sein Portfolio ein Stück weiter von „komplex und global“ (Standard) auf „vorkonfiguriert und regional“ (Standard light). Dazu ein paar Maßnahmen, die vor allem Partnerunternehmen nicht kalt lassen dürften: So wird die Projektverteilung zwischen den Externen und dem Stammhaus neu festgelegt, sprich, die Umsatzgrenzen und Gewinnerwartungen neu definiert, ab denen der Direktvertrieb von SAP die Sache in die Hand nimmt.

Ob Anwender von den Schachzügen der Manager profitieren, steht in den Sternen. Bisher hat es die im Markt etablierte SAP-Software Business One nicht geschafft, ihr Negativimage abzustreifen. Nachrücker aus der zweiten Reihe haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, daß sie Marktanteile erobern können. Oracle, Microsoft und IBM wollen zudem auch mit kleineren Brötchen ihre Bilanzen aufbessern. Dafür muß auf’s Neue der Mittelstand herhalten.

Der befindet sich seinerseits in einem beinharten Wettbewerb. Manche Marktbeobachter sprechen bereits von ersten Anzeichen für einen grundlegenden Wandel mit Auflösungstendenzen. Jedenfalls sind Finanzinvestoren im letzten Jahr auffallend häufig vor den Toren kleinerer Unternehmen gesichtet worden. Laut Süddeutscher Zeitung waren es im letzten Jahr mehr als 100 Milliarden Euro, die von Beteiligungsgesellschaften im EU-Raum für Firmenübernahmen ausgegeben wurden. Insgesamt stieg das Volumen der Firmenkäufe durch Beteiligungsgesellschaften gegenüber dem Jahr zuvor um 43 Prozent auf 116,5 Milliarden Euro. 38 Prozent aller Transaktionen entfielen dabei auf den Mittelstand. Das bedeutet Substanzverlust im stolzen Mittelbau und Einsturzgefahr in den unteren Etagen. Erledigt sich damit die Mittelstandsoffensive der SAP? „Wir sind schon längst im Mittelstand angekommen“, sagt ein SAP-Manager hinter vorgehaltener Hand und deutet auf die vielen Tochterunternehmen der Großkonzerne, die SAP R/3 oder Mysap zum Standard erhoben haben.

Oracle bringt sich in Stellung
– oder: „all-you-can-eat“

Seit einiger Zeit hakeln IT-Schwergewichte ihre Interessensgegensätze mit immer größerem Getöse aus. „Organisch weiterwachsen“ will SAP und belegt mit Quartalszahlen, daß man immer noch die Nummer eins im Softwaremarkt für Enterprise Ressource Planning (ERP) ist. Widersacher Oracle verläßt sich nicht auf das Wachstum der eigenen Organe, sondern gibt Milliardenbeträge für Zukäufe im Applikationsumfeld aus. "More and more we are trying to turn our largest customers into all-you-can-eat customers," bekundete Anfang Februar Oracle-Boss Larry Ellison vor Bankern auf der Credit Suisse Global Software Conference in St. Monica, Kalifornien.

Alles einverleiben, was dem eigenen Fortkommen dient – wenn das nur gut geht. Der Datenbankspezialist Oracle hebelt immer häufiger die SAP-Konkurrenz aus. Zum Beispiel bei der Auftragsvergabe der US Airforce über 88,5 Millionen US-Dollar, die die US-Niederlassung der SAP unbedingt für sich selbst anlanden wollte. Auch massive Proteste der deutschen Softwerker beim zuständigen Government Accountability Office halfen nichts, der Zuschlag ging an Erzfeind Oracle.

Oracle hat noch mehr Eisen im Feuer. Die Eingemeindung der ehemaligen Peoplesoft-Anwender und J.D.-Edwards-Kunden setzt die Ellison-Company wie angekündigt um. Die vertragliche Bindung der zugekauften Kunden wird mit großzügigen Zugeständnissen beim Support der Altsoftware gefestigt. Die German User Group (GUG), die 75 J.D.-Edwards-Unternehmen vertritt, verhandelt derzeit mit der Deutschen Oracle Anwender Gruppe (DOAG) zwecks Zusammenlegung der Ressourcen. Ihr ehemaliger Vorsitzender, Peter Mischok, befürchtet, daß eine wirkungsvolle Interessensvertretung gegenüber dem Hersteller auf der Strecke bleiben könnte. „Die DOAG muß erst mal beweisen, daß sie das im Applikationsumfeld kann“, sagt. Mischok auf der letzten Jahreshauptversammlung. Und gab auch gleich seinen Vorsitzplatz ab.

Wenn die SAP-Spitze den Kaliforniern die Aussicht auf Erfolg bestreitet und Ellison als Schaumschläger abtut, dann mißversteht sie den hartnäckigen Siegeswillen des lästigen Kontrahenten. Ein Geschäft durchziehen ist die Kunst der amerikanischen Businesspeople seit der Kolonialisierung des Kontinents. Wie weit sie es gebracht haben, läßt sich unschwer an der Globalisierung des Geschäfts ablesen. Die Meßlatte liegt auf hohem Niveau – vielleicht beherrschen sie nicht alles, aber im Maximieren ihrer Profite kennen sie sich aus. Das muß man nicht gutheißen, aber man sollte es zumindest zur Kenntnis nehmen.

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Wer glaubt wird seelig

An Erfolg glauben die meisten Menschen. Das Volk läßt sich auch gern von seinen Politikern umschmeicheln, wenn diese ihre Sonntagsreden halten. Optimismus verordnet die neue Bundesregierung bei jedem Fernsehauftritt ihrer Vertreter. Deutschland strotzt vor Chancen, buchstabiert die Kanzlerin ins Mikrofon. Wirtschaftswachstum prognostizieren die Institute, und Wirtschaftswachstum wird es geben, wenn die Bürger und Bürgerinnen ihr Herz für Leistung endlich öffnen und mitmachen. Vor allem bei den anberaumten Reformen und den Verhaltensanweisungen der Industrieverbände und einschlägigen Nationalökonomen. Der Glaube schafft Arbeitsplätze, sichert Wohlstand und spendet Trost – auch wenn die Wirklichkeit anderes lehrt.

Wie Glaube Berge versetzt, hat die IT-Branche vor wenigen Jahren unter Beweis gestellt. Mutige Newcomer haben den glaubensorientierten Optimismus sehr gekonnt eingesetzt, um sich zur Galionsfigur des Fortschritts und der Innovation zu erheben. Große Teile der Bevölkerung standen im Bann der New Economy und haben großzügig Teile ihres Gehalts in Aktien investiert, die bei nüchterner Betrachtung nicht einmal die Bezeichnung Wagniskapital verdienten. Aber auch ehrwürdige Konzerne wie die Deutsche Telekom versprühten plötzlich eine Aura des „Alles ist Machbar“, so daß selbst bei konservativen Anlegern die Dämme brachen. Professionelle Marketingstrategen haben die Gunst der Stunde erkannt und die Sache in die Hand genommen. Dem Verkauf von Kühlschränken nach Grönland stand nichts mehr im Wege.

Es ist ein in der Natur des Menschen eingemeißelter Wesenszug, analysiert Martin Urban in seinem jüngsten Buch „Warum der Mensch glaubt. Von der Suche nach dem Sinn.“ Der ehemalige Leiter des Wissenschaftsressorts der „Süddeutschen Zeitung“ folgt den Hirnforschern, die in der Natur des menschlichen Denkorgans den Think Tank zur Weltdeutung sehen. Die evolutionsbedingte Verankerung des Glaubens im Stammhirn des Menschen liegt an der Tatsache, daß der Mensch gleich nach der Abspaltung vom Ahnherrn Affen nach Ursachen all der erstaunlichen (und gefährlichen) Naturphänomene um ihn herum sucht. Er betätigt also seinen Verstand, den er im Laufe der Jahrtausende immer besser zu nutzen versteht. Soweit leuchten die Ausführungen von Martin Urban ein. Was stutzig macht, ist der Gedanke, daß damit der Glaube als Antwort auf das Deutungsbedürfnis für immer und ewig im Bewußtsein der Menschheit seinen Platz gefunden hat.

Schon jeder antike Denker belegt, daß die Ursachenforschung ganz andere Wege nehmen kann. Die Verstandesbetätigung der Mathematiker hat zu beweisbaren Sätzen geführt. In der Folge haben Naturforscher Schritt für Schritt Erkenntnisse auf den Tisch gelegt, die zu einem aufgeklärten Naturbild geführt haben. Selbst wenn die Newtonsche Mechanik im heute zugänglichen Nanokosmos wegen der Quanteneffekte nicht gilt, ändert das nichts an deren Geltung im praktischen Umfeld der greifbaren Welt. Der Verstand ist durchaus in der Lage, zwischen Einbildung und Wirklichkeit zu unterscheiden und tut das ja ständig.

So gesehen lichtet sich das Rätsel um den Glauben im aufgeklärten Heute zumindest in einer Hinsicht. Während die Frage nach Gründen eine weitverzweigte Wissenslandschaft mit zum Teil sehr praktischen Kenntnissen über Physik, Biologie, Chemie hervorgebracht hat, nutzen weniger wissenschaftsinteressierte Menschen ihren Verstand offenbar auch dazu, nach letzten Gründen und dem Sinn von allem Ausschau zu halten. Die Popularität des Unfaßbaren nimmt seinen Lauf und endet in jenen biblischen Bildern, die verheißungsvoll und nicht unmodern der Leere ein Sein zur Seite stellen. Für diesen Trost scheinen auch moderne Menschen im Hier und Jetzt anfällig zu sein.

EMV

EMV geht in die 358. Runde

Es gibt sie noch, die Debatte um die Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV). Bei den Modellforschungen über hochfrequente Felder und deren Wirkung auf biologische Systeme hat sich gegenüber den Diskussionen der Anfangszeit anno 1991 wenig bewegt. Physiker und TÜV-Techniker kennen die Eigenschaften der verschiedenen Frequenzspektren, schließlich muss jedes Gerät von der Schreibtischlampe bis zum Mikrochip EM-tauglich sein. Auch Medizinern ist die Ausstrahlung gepulster oder anders modulierter Wellen kein Geheimnis. Es gibt SAR-Werte (Spezifische Absorptionsraten) und es gibt tonnenweise Untersuchungen, die den Einfluss von Mobilfunkstrahlen auf die neurophysiologische Befindlichkeit des Menschen oder die Funktionstüchtigkeit seiner Zellen beleuchten. Die Langeweile kommt auf, weil immer dieselben Ergebnisse weitergereicht werden: Effekte sind theoretisch möglich, praktisch aber nicht nachweisbar.

Werfen wir einen Blick auf neuesten Resultate, die die Forschungsgemeinschaft Funk dem Leser ihres Newsletters liefert: Der englische Wissenschaftler John Tattersall vom Biomedical Sciences Deprtment in Salisbury, UK, hat sich erregbare Herzzellen vorgenommen. Der Doktor suchte nach Einflüssen von Mobilfunksignalen auf die intrazelluläre Kalziumkonzentration. Fehlanzeige. Allerdings ist dem Wissenschaftler gerade in dem Moment das Sponsorengeld ausgegangen, als er neue Versuchsreihen starten wollte. Die ersten Ergebnisse müssen reichen, schließlich will man nicht Geld in nutzlose Zusatztests versenken.

Auch der jährliche EMV-Kongress im März in Düsseldorf verspricht wenig Erhellendes. Gut bedient sind Elektrotechniker denen hochkarätige Referenten von Siemens in gleich zwei Eröffnungsvorträgen die Haltung des Münchner Konzerns nahebringen. Die anderen Fachbeiträge konzentrieren sich auf technische Aspekte oder sprechen Spezialthemen an, zum Beispiel das „Modellieren des Strahlungsmechanismus von Motherboard-Subboard Strukturen“, ebenfalls Siemens. Doch ein klärendes Wort zum Dauerthema elektromagnetische Strahlung und deren Wirkung auf den Menschen wird es kaum geben.

Wie auch. Jeder scheinbar gesicherten Erkenntnis folgt das Dementi. Als sich fünf niedergelassene Ärzte der oberfränkischen Ortschaft Naila dran machten, in ihrem Patientenkreis den Einfluss von Mobilfunksendeanlagen auf die Krebsinzidenz nachzuweisen, wirbelte das viel Staub auf. Die Mediziner kamen nämlich zu dem Ergebnis, dass tatsächlich Krebserkrankungen bei einem Teil der befragten Patienten im Nahbereich der Funkmasten zunahmen. Die Gegenrecherchen folgten auf dem Fuß und gipfelten in erheblichen Zweifeln an der Seriosität der Naila-Studie. Es gibt nun mahl viele Risikofaktoren für Krebs, die eine direkte Zuordnung von Funkmastbestrahlung, Handynutzung und Erkrankung einfach nicht zulassen. Wieder bleibt der interessierte Laie auf der Suche nach einer Antwort im Kräftespiel von Studie- und Gegenstudie stecken. Oder trägt die ganze Debatte eine gut organisierte Lobbyarbeit?