Ein weiterer Siemens-Deal entwickelt sich zum Disaster für die Mitarbeiter: Nokia Siemens Networks (NSN) vollzieht, was seit langem angekündigt war – Personalabbau im großen Stil.

Kurz nach dem Unternehmensstart im April diesen Jahres macht das Management des neu installierten Netzwerkriesen Ernst mit den Entlassungen von zunächst 9000 Mitarbeitern. Nichts neues in der krisengeschüttelten Telco-Branche, aber doch bezeichnend für die Manöver der verantwortlichen Unternehmensspitze. Ähnlich wie bei der Abwicklung der Handy-Sparte von Siemens durch BenQ setzt auch das Top-Management von NSN das Skalpell beim offenbar schwächsten Glied der Wertschöpfungskette, dem Mitarbeiter, an.

Weniger ist mehr

Die Verlautbarungen folgen immer derselben Logik: Wir kappen Arbeitsplätze, um Arbeitsplätze zu retten. Ein fast philosophischer Vorgang. Mit dem Abbau, dessen Erhalt zu betreiben ist eine große Leistung. Aus Managementsicht sieht das folglich so aus: Um das Ding zum fliegen zu bringen, müssen wir Ballast abwerfen.

Klingt einsichtig, ist es aber nicht. Denn der Deal riecht schon wieder nach Abwicklung. Was da zum Fliegen gebracht werden soll sind die Ansprüche von Geldinvestoren, die nach Rendite lechzen. Ein radikaler Anspruch, denn einem Shareholder ist es egal, wie die Ausschüttung zustande kommt.

Baufehler oder Absicht

Bei BenQ hat es ein Jahr gedauert, dann war das Unternehmen am Ende. NSN hat noch gar nicht losgelegt, und schon treten die Verantwortlichen in Helsinki auf die Bremse. Offenbar wurde da ein Firmenkonglomerat zusammengeschweißt, bei der von vorneherein die Ladeluke nicht wasserdicht abschließt.

Mit fatalen Folgen für das Deckpersonal. Während auf der Kommandobrücke schon Fahrtpläne geschmiedet werden und Offiziere die ersten Warm-up-Programme absolvieren, grassiert im Untergeschoß die nackte Überlebensangst. Die Geburt eines Vorzeigeunternehmens entpuppt sich als Entsorgungsstätte für überflüssige Mitarbeiter.

Das Jonglieren mit dem humanen Kapital regt mittlerweile kaum noch jemand auf. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich ein Gewöhnungseffekt eingestellt, der solcherlei Managergebahren kommentarlos durchwinkt. Tatsächlich ist die Entrüstung über solche Maßnahmen fehl am Platz. Das Management handelt streng nach den Erfordernissen einer konkurrenzfähigen Unternehmensorganisation und wirft Teile der Belegschaft auf den Arbeitsmarkt. Wem das auf Dauer guttut lässt sich am Auseinanderklaffen von Arm und Reich ablesen.

Rückläufige Arbeitslosenzahlen ändern daran übrigens nichts. Wenn ehemalige Ingenieure in Leichtlohngruppen auftauchen oder Zeitarbeitsfirmen gelernte Metaller zu Spottpreisen weiterreichen, mag das ein Sieg der Reformpolitik sein, praktisch bedeutet das Dequalifizierung und Verarmung einer ganzen Reihe von Leuten, die mal besser gestellt waren.

Sheriff im Netz sieht mit

Dezember 8, 2006

Die Überraschung kam auf leisen Sohlen. Das Bundeskriminalamt greift demnächst auch auf Festplatten der Internet-User zu, nachdem es die Landesbehörden schon regelmäßig seit geraumer Zeit tun. Unbemerkt, versteht sich. Denn beim Behörden-Hack handelt es sich nicht um das illegale Ausspionieren von Computernetzen, PCs, E-Mails und Chat-Foren, sondern um ganz legales Vorgehen der Strafverfolgungsbehören. Die autorisierte Rundumüberwachung des Internets verleiht einem sehr menschlichen Anliegen einen Tiefschlag: Anonymität gegenüber Dritten ist beim Gedankenaustausch nicht mehr gewährleistet.

Während die Hackerszene, die mit eingeschmuggelten Leseprogrammen den PC nach Kreditkartennummern oder ähnlichem durchstöbern, seit langem für öffentliche Entrüstung sorgt, nehmen sich Beamte genau diesen gescholtenen Hacker zum Vorbild und gehen zum Informations-Fishing. Klar geht es darum, Straftaten aufzudecken oder zumindest Hinweise auf potentielle Täterkreise und deren Vorhaben zu finden. Aber gibt es nicht auch Hacker mit edlen Motiven, die beispielsweise durch spektakuläre Angriffe auf Schwachstellen aufmerksam machen?

Hacker ist Hacker sagt bislang die Staatsanwaltschaft. Jetzt kommt die Ausnahme. Der geadelte Staatshacker handelt im Auftrag seiner Majestät und hat die Lizenz zum Zugriff. Das Informationsbedürfnis des Staatsschutzes und der Kriminellenverfolger ist offenbar so groß, dass die Behörden auch im virtuellen Raum dabei sein wollen. Aber: Böse Buben bereiten ihr Ding doch nicht im Internet vor oder verüben den Anschlag auf einer Webseite. Diese Leute scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Das macht dieses Klientel doch auch im wirklichen Leben so. Jeder Fernsehkrimi zeigt, dass Gauner seit jeher konspirativ vorgehen. Ein Mafiosi, der seine Anweisungen auf Zettel notiert, schafft natürlich Beweismittel. Deshalb verschwinden sie ja auch schnellstmöglich in der Klospülung. Professionelle Banden werden sich kaum auf ein Medium einlassen, das viele Spuren hinterlässt. Islamische Terroristen benutzen Webseiten allenfalls für Botschaften, die sie bewusst nach draußen geben.

Es mag Hitzköpfe geben, die vor lauter Technikbegeisterung vergessen, dass sie auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Es gibt Trittbrettfahrer, Psychopathen, Selbstinszenierer, Angeber und Naivlinge – jeder kann sich im Internet herumtreiben. Wie bitte sollen Beamte aus dieser kunterbunten Vielfalt einen veritablen Straftäter herausfiltern, der obendrein seine Tat noch gar nicht zur Aufführung gebracht hat. Der Kriminalist stürzt sich in digitale Jenseits, obwohl der Tatort doch im Diesseits zu finden ist. Die Antwort aus dem Innenministerium lautet: Macht nix, wir brauchen das. Denn wir tragen erst mal alles zusammen und lassen dann unsere Analysemaschinen drüberlaufen.

Zwangsläufig bleibt bei diesem Vorgehen mehr hängen, als der Täter oder sein Umfeld. Es sind Kundenprofile die in den Amtsstuben zusammengefügt werden, die erst mal in die Datenbank wandern und dort zu aussagefähigen Informationen weiter verdichtet werden. Polizeiarbeit wandelt sich in ein gigantisches Data Warehouse, das in ganz Europa zur Verfügung steht. Damit das alles funktioniert ist Technik vom Feinsten nötig, bezahlt von Steuergeldern, die auch die IT-Spezialisten der umtriebigen Verfassungsschützer entlohnen. Eine schwere Hypothek. Das muss einfach ein Erfolg werden. Der Drehbuchautor würde hier der Vollständigkeit halber noch hinzufügen: Bis zum nächsten Anschlag (das Böse ist den Verfolgern immer ein Schritt voraus).

Wer glaubt wird seelig

April 11, 2006

An Erfolg glauben die meisten Menschen. Das Volk läßt sich auch gern von seinen Politikern umschmeicheln, wenn diese ihre Sonntagsreden halten. Optimismus verordnet die neue Bundesregierung bei jedem Fernsehauftritt ihrer Vertreter. Deutschland strotzt vor Chancen, buchstabiert die Kanzlerin ins Mikrofon. Wirtschaftswachstum prognostizieren die Institute, und Wirtschaftswachstum wird es geben, wenn die Bürger und Bürgerinnen ihr Herz für Leistung endlich öffnen und mitmachen. Vor allem bei den anberaumten Reformen und den Verhaltensanweisungen der Industrieverbände und einschlägigen Nationalökonomen. Der Glaube schafft Arbeitsplätze, sichert Wohlstand und spendet Trost – auch wenn die Wirklichkeit anderes lehrt.
Wie Glaube Berge versetzt, hat die IT-Branche vor wenigen Jahren unter Beweis gestellt. Mutige Newcomer haben den glaubensorientierten Optimismus sehr gekonnt eingesetzt, um sich zur Galionsfigur des Fortschritts und der Innovation zu erheben. Große Teile der Bevölkerung standen im Bann der New Economy und haben großzügig Teile ihres Gehalts in Aktien investiert, die bei nüchterner Betrachtung nicht einmal die Bezeichnung Wagniskapital verdienten. Aber auch ehrwürdige Konzerne wie die Deutsche Telekom versprühten plötzlich eine Aura des „Alles ist Machbar“, so daß selbst bei konservativen Anlegern die Dämme brachen. Professionelle Marketingstrategen haben die Gunst der Stunde erkannt und die Sache in die Hand genommen. Dem Verkauf von Kühlschränken nach Grönland stand nichts mehr im Wege.

Es ist ein in der Natur des Menschen eingemeißelter Wesenszug, analysiert Martin Urban in seinem jüngsten Buch „Warum der Mensch glaubt. Von der Suche nach dem Sinn.“ Der ehemalige Leiter des Wissenschaftsressorts der „Süddeutschen Zeitung“ folgt den Hirnforschern, die in der Natur des menschlichen Denkorgans den Think Tank zur Weltdeutung sehen. Die evolutionsbedingte Verankerung des Glaubens im Stammhirn des Menschen liegt an der Tatsache, daß der Mensch gleich nach der Abspaltung vom Ahnherrn Affen nach Ursachen all der erstaunlichen (und gefährlichen) Naturphänomene um ihn herum sucht. Er betätigt also seinen Verstand, den er im Laufe der Jahrtausende immer besser zu nutzen versteht. Soweit leuchten die Ausführungen von Martin Urban ein. Was stutzig macht, ist der Gedanke, daß damit der Glaube als Antwort auf das Deutungsbedürfnis für immer und ewig im Bewußtsein der Menschheit seinen Platz gefunden hat.

Schon jeder antike Denker belegt, daß die Ursachenforschung ganz andere Wege nehmen kann. Die Verstandesbetätigung der Mathematiker hat zu beweisbaren Sätzen geführt. In der Folge haben Naturforscher Schritt für Schritt Erkenntnisse auf den Tisch gelegt, die zu einem aufgeklärten Naturbild geführt haben. Selbst wenn die Newtonsche Mechanik im heute zugänglichen Nanokosmos wegen der Quanteneffekte nicht gilt, ändert das nichts an deren Geltung im praktischen Umfeld der greifbaren Welt. Der Verstand ist durchaus in der Lage, zwischen Einbildung und Wirklichkeit zu unterscheiden und tut das ja ständig.

So gesehen lichtet sich das Rätsel um den Glauben im aufgeklärten Heute zumindest in einer Hinsicht. Während die Frage nach Gründen eine weitverzweigte Wissenslandschaft mit zum Teil sehr praktischen Kenntnissen über Physik, Biologie, Chemie hervorgebracht hat, nutzen weniger wissenschaftsinteressierte Menschen ihren Verstand offenbar auch dazu, nach letzten Gründen und dem Sinn von allem Ausschau zu halten. Die Popularität des Unfaßbaren nimmt seinen Lauf und endet in jenen biblischen Bildern, die verheißungsvoll und nicht unmodern der Leere ein Sein zur Seite stellen. Für diesen Trost scheinen auch moderne Menschen im Hier und Jetzt anfällig zu sein.