Krise im Dialog – Schwere Kost

25.01.2012 – Ein kleiner Kreis in einer Café-Ecke, Innenstadt Wien. Soeben endete ein Vortrag über Menschen, Macht und Krise. Im Gespräch die Frage, warum es so schwer ist, die anhaltende Schuldenkrise und die drohende Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen moderner Staaten einzudämmen. Niemand will Patentrezepte an die wirtschaftlichen und politischen Chefetagen und Kommandozentralen verteilen. Das Gespräch dreht sich um grundlegende Betrachtungen zum Krisengeschehen.

Auch nach fünf Jahren Krisenbekämpfung durch Freikauf der überschuldeten Finanzbranche und Sicherheitsgarantien in dreistelliger Milliardenhöhe zeichnet sich kein Ende ab. Sind die kreditbewirtschaftete Marktwirtschaft und die sie tragenden Staaten am Ende?

Nach Äußerungen maßgeblicher Volkswirte und Chefökonomen sieht es nicht danach aus. Alle Anstrengungen konzentrieren sich darauf, das Zahlungssystem und den Euro am Leben zu erhalten. Offenbar liegt die Euro-Rettung noch im Kalkül der Euro-Staaten, andererseits herrscht Streit über einzelne Maßnahmen und deren Wirkung. Griechenland, Portugal oder Irland sind ja völlig anders betroffen als Deutschland oder Frankreich. Bei den Griechen ist der Bonitätsverlust eingetreten, entsprechend verheerend sind die Auswirkungen. Verarmung der Bevölkerung, fortschreitende Erlahmung der Geschäftstätigkeit, Souveränitätsverlust auf der politischen Ebene. Die führenden EU-Nationen haben zwar auch gewaltigen Schrott im Keller, schaffen aber noch die Fristverlängerung bis zum nächsten Stresstest. Das kann man am Zinssatz bei Anleihe-Auktionen ablesen, aber auch am Auftritt maßgeblicher Politiker. Die Troika reist eben nach Athen und nicht nach Berlin.

Es sieht danach aus, als ob ökonomische Macht am längeren Hebel sitzt …

Beim Thema Zerfall der Euro-Zone kann ich mir nicht vorstellen, dass Bank- und Konzernvorstände begeistert sind. Die Geschäftsgrundlage der Banker ist die Verwertung von eingesetztem Kapital und wenn das überwiegend Euros sind, ist eine Entwertung der Währung gleichbedeutend mit der Gefährdung ihres Unternehmenszwecks. Rendite muss die von Staatsseite eingerichtete und beaufsichtigte Wirtschaft schon hergeben und das tut sie auch in Krisenzeiten. Macht bedeutet in diesem Zusammenhang einfach Sicherstellen des Geschäfts. Und da ziehen Finanzwirtschaft und Staat an einem Strang, die einen wollen gute Bilanzen auf dem Tisch, die anderen Wachstum sehen. Unterschiede gibt es allerdings in der Aufgabenstellung. Politiker managen den ganzen Laden, Banker wollen Geld vermehren. Das ist zwar auch nicht ganz unwichtig, deckt aber längst nicht den Bereich hoheitlicher Aufgaben ab. Der Staat sitzt im Zweifelsfall immer am längeren Hebel. Er ist Gesetzgeber, oberster Befehlshaber und Geldgarant in einem. Den Wert des Geldes kann er allerdings nicht per Verordnung festlegen, die gesetzliche Gültigkeit von Banknoten samt Kleingeld schon. Beim Werterhalt des Geldes ist der Staat auf seine Wirtschaft angewiesen, die täglich gewissermaßen beweisen muss, dass sie Wertschöpfung zustande bringt. Läuft diese ganze Verwertungskette einschließlich Geldrückfluss aus den Verkäufen findet Wachstum statt. Platzen die Geschäfte, schrumpfen auch die staatlichen Bilanzen. Anders ausgedrückt: Dem Souverän schwinden die Kräfte.

Kommen wir auf die Krise zurück. Verstehen Sie überhaupt, was da passiert?

Wenn Sie sagen, da schaufeln alle an ihrem eigenen Grab, dann ist das weder richtig, noch falsch. Dass Spekulanten am Finanzmarkt auf zukünftige Geschäfte setzen und dabei traumhafte Gewinne einstecken ist doch ein sehr ehrenwerter und gesellschaftlich hoch angesehener Beruf. Erst wenn sich die Verluste häufen, Misserfolge einstellen, rümpfen einige die Nase. Krise tritt eigentlich erst in den Kreis der Wahrnehmung, wenn Zinslasten die normale Geschäftstätigkeit beeinträchtigen, also Zahlungsschwierigkeiten nicht vereinzelt sondern in steigendem Maße auftreten. Die übliche Reaktion auf so eine Situation ist die Stundung von Gläubigerforderungen also die zeitlicher Aufschub von fälligen Zahlungen. Auch das ein völlig übliches Verhalten zwischen Banken, Unternehmen und auch Privatmenschen. Dazu versucht jeder Geschäftsmann, wenigstens mit Krediten, also Neuverschuldung, die alten Schulden soweit auszubügeln, dass man in seiner unternehmerischen Existenz weitermachen kann. Dann wird zwar der Preis fürs Weitermachen höher, aber es gibt ja noch genügend Handlungsspielraum, um sich lukrative Aufträge zu sichern, die Kosten zu optimieren und den Produktionsausstoß hochzufahren. Soweit ist mir das geläufig. Warum Schulden, die ja immer als Schmiermittel für Wachstum angesehen werden, plötzlich ins Gegenteil sich verkehren, ist schwer nachzuvollziehen.

Das Verhältnis von Schulden und Ertrag unterliegt generell den Marktschwankungen sowohl im Warenhandel als auch im Finanzbereich. Jeder Konzernbericht weist aber in normalen Jahren eine Ertragssteigerung aus, das gilt auch für das jährliche Bruttoinlandsprodukt und all die anderen Leistungsindikatoren.

Sie sind ja sehr optimistisch, was die Ertragsseite betrifft. Sicherlich sind die Jahresbilanzen der Industrie und der Dienstleister sehr gut, dem steht aber eine Staatsbilanz gegenüber, die alles andere als beruhigend ist. In Deutschland summiert sich die Schuldenlast auf zwei Billionen Euro, dagegen ist Griechenland ja geradezu ein Musterknabe. Verbindlichkeiten dieser Größenordnung sind unvereinbar mit der Vorstellung von blühenden Landschaften. Wollte der Staat seine Schulden begleichen, müsste er von seinen Bürgern zwei Billionen Euro eintreiben. Das käme der Vernichtung von Vermögen in der gleichen Größenordnung gleich. Das Geld landet auf Gläubigerkonten im In- und Ausland. Der Staat müsste dann sofort wieder die Kreditmaschine anwerfen, um den Vermögensentzug zumindest in Bahnen zu halten, von denen keine Gefahren für die Wirtschaftstätigkeit und damit für Steuereinnahmen ausgehen. Die Entschuldung provoziert die Neuverschuldung.

So, jetzt bestellen wir erst mal eine Runde, bevor wir weitermachen ….

Im Dialog: Krise ohne Ende (2)

European Union

Image by erjkprunczyk via Flickr

03.11.2011 – Wir sitzen in einem Cafe in Salzburg, das Wetter hat bessere Laune als die Stimmung am Tisch. Es geht um das Referendum der griechischen Regierung und den aktuellen Verlauf der Krise. Die erste Frage zielt auf die Reaktionen der EU-Staaten angesichts der Ankündigungen aus Athen.

Die griechische Staatsregierung hat schwere Betroffenheit bei den führenden EU-Politikern ausgelöst – ist eine Volksabstimmung nicht ein legitimes Mittel in einer Demokratie?

Ja natürlich. Aber eigentlich spielt das keine Rolle und zwar auf beiden Seiten. Die Euro-Gruppe will mit ihren Beschlüssen die Finanzmärkte beruhigen indem sie Athen mit allen Mitteln auf einen Euro-konformen Kurs zwingt. Wie das aussieht steht unmißverständlich in den Auflagen, die mit den Kredittransfers verbunden sind, also Sparkurs, Privatisierung, Entlassungen und Wirtschaft ankurbeln. Da geht es nicht um Demokratieideale sondern um Realpolitik. Jedem ist klar, dass die Brüsseler Beschlüsse kein Freundschaftsdienst sind sondern ein beinharter Eingriff in die griechische Gesellschaft und die staatliche Souveränität, auch wenn manchmal von einem großzügigen Angebot die Rede ist. Das aber ist Schönfärberei.

Trotzdem gleicht der Vorstoß einem politischen Eiertanz, der mehr riskiert, als notwendig.

Papanderou bleibt nichts anderes übrig, als die Programmpunkte seiner europäischen Partner Punkt für Punkt umzusetzen. Da ist reichlich Führungsstärke gefragt, die er und seine Partei einfach nicht haben. Deshalb die Vertrauensfrage und das Referendum. Ein nicht ganz ungeschickter Schachzug, denn eine Volksabstimmung hat auch Hebelwirkung, die dem Premier den Rücken stärken könnte. Ansonsten Amtsverzicht an der Regierungsspitze wegen allzu heikler Aussichten mit Blick auf die Durchsetzung der Auflagen. Zyniker sagen auch, dass in der Euro-Liga der erste Abstiegskandidat gefunden wurde.

Die Rettungsbemühungen geraten ja offensichtlich immer mehr zu einer Aufräumaktion unter den Mitspielern der Währungsunion …

Das sieht tatsächlich nicht sehr entspannt aus. Um den Euro als starke Währung und damit auch als starke Marke auf den Finanzmärkten zu erhalten, das ist ja das erklärte Ziel von Angela Merkel, müssen alle Mitgliedsstaaten ihren Beitrag leisten. Nur wer stellt eigentlich die Regeln auf, wer sagt, was ein Land zum Euro-Erfolg beizutragen hat? Nach dem bisherigen Krisenverlauf sind es eigentlich die Finanzmärkte, die den Takt vorgeben. Die Eckwerte aus dem Maastricht-Vertrag sind ja schon länger de facto außer Vollzug. Anleihen, die bis zu einem gewissen Grad den Handlungsspielraum eines Staates festlegen, sind ihrem Wert nach das Ergebnis von Spekulation. Ihre Marktrendite wird täglich im Handel ermittelt. Geldhändler und deren Geschäftsmotive entscheiden folglich darüber, was Staatsanleihen wert sind. Das stört Staaten überhaupt nicht, denn sie haben ja Markt und Währung selbst ins Leben gerufen und sie wollen Markt und Währung mit allen Mitteln verteidigen.

Können Sie das eigentlich gut heißen?

Es ist manchmal schwer nachvollziehbar, was da eigentlich passiert. Einerseits sind die Banken und das Finanzkapital vom Wohlwollen der Staaten und deren politischen Wachstumsprogrammen abhängig, andererseits entscheiden Geldbesitzer und Investoren über die Handlungsfähigkeit der Staaten, die sich an den Euro gebunden haben. Mir scheint da ringen sehr potente Parteien in einem harten Schlagabtausch um die Sicherung von Einflußsphären. Von Rettung eines in Not geratenen Nichtschwimmers kann da eigentlich nicht die Rede sein.

Im Dialog: Krise ohne Ende (1)

14.10.2011 – Im folgenden findet sich die Zusammenfassung von Gesprächen, die einem schillernden Thema nachgehen. Zu Wort kommen ein Volkswissenschaftler, ein Gesellschaftswissenschaftler, ein Hochschullehrer und ein Normalverbraucher. Es handelt sich um Interviews, die zu einem Gespräch aus- und umgebaut wurden und insofern keine wörtliche Wiedergabe darstellen. Der rote Faden ergibt sich aus den Fragen und Antworten.

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas spricht von einem Konstruktionsfehler der Währungsunion, Peter Sloterdijk, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie Professor für Philosophie und Ästhetik, sagt, man müsse die Realität der Krise erst mal im Ernst begreifen und fügt in einem Interview hinzu, dass die Art und Weise, wie regierende Hausmeister im Dunkeln Megamilliarden hin- und herschieben, (…) eine Beleidigung für jede Intelligenz sei. Was ist dran am Konstruktionsfehler und sind Sie beleidigt angesichts milliardenschwerer Interventionen durch die Politik?

Der Konstruktionsfehler ist nicht unbekannt und wird seit dem Gründungsakt des gemeinsamen EU-Marktes vor mehr als zwanzig Jahren immer wieder zitiert. Ich erinnere mich, dass schon sehr früh kritische Stimmen den Rückschnitt der Idee eines vereinten Europas auf eine reine Freinhandelszone bemängeln. Europa ist in der Hauptsache EU-Markt. Einfach gesagt, schließen sich konkurrierende Staaten zu einer Union zusammen und unterbinden damit nicht ihre Konkurrenzsituation, sondern verschärfen sie sogar. Mit dem Euro unterliegen sie einem gemeinsamen Wertmaßstab, der ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Produktivität und Erfolg unmittelbar, also ohne nationalstaatliches Dazwischentreten festhält. Wachstum wird in Euro gemessen, egal ob es in Italien, Griechenland, Irland oder Deutschland stattfindet. Der egalisierte Erfolgsmaßstab trifft auf sehr unterschiedliche Volkswirtschaften, offensichtlich war man sich in Brüssel aber einig, dass Ausgleich vor allem durch Subventionen möglich ist. Die gemeinsame Währung nutzt natürlich demjenigen, der es versteht, aus dem ihm zur Verfügung stehenden Euro-Kredit ein Plus zu schlagen. Das haben alle nach Kräften gemacht und den gemeinsamen Währungsraum mit ihren Produkten und Dienstleistungen aufgerollt mit dem Ergebnis, dass es Gewinner und Verlierer gibt.

… das erklärt aber nicht die krisenhafte Verlaufsform von der Bankenschwäche bis zur Staatsverschuldung und der Euro-Krise.

Doch, das ist in diesem Ausgangspunkt enthalten. Denn die Staaten sind ja nicht von der Bühne abgetreten und haben es ihren Wirtschaftsakteuren überlassen, was am EU-Markt passiert. Sie haben kräftig mitgemischt und ihre Wirtschaft mit Krediten versorgt, die sie selbst bereitstellten oder bei der Europäischen Zentralbank beantragen mussten und auch geflossen sind. Alle Beitrittsländer sehen im Euro-Markt Chancen für eigenes Wachstum. Dasselbe gilt für die Geldbeschaffung via Anleihen. Das Kraftwerksgeschäft in Griechenland oder der Aufbau von modernen Kommunikationsnetzen sind Großprojekte an denen Konzerne gutes Geld verdienen, besichert durch nationalen Kredit, EU-Subventionen und Investorengelder und alles in Euro, also ohne Wechselkursrisiko. Dass solche Geschäfte Spekulanten anziehen und Banken beispielsweise in großem Stil griechische Staatsanleihen kaufen, um sie als eigene Finanzprodukte wieder zu kapitalisieren, ist ja kein Systemfehler, sondern Geschäftsbasis für die Finanzmärkte.

Wieso kommt es dann zu einem milliardenschweren Verschiebebahnhof, an dessen Ende sogar Staatshaushalte Gläubigerschutz benötigen?

Der stärkste Druck geht von den Finanzmärkten und den Ratingsagenturen aus. Mit jedem Kredit und jeder Anleihe ist der Anspruch an Rückzahlung und Zins gebunden, die während der Laufzeit des Kredits erwirtschaftet werden müssen. Dieses Versprechen, auf das Investoren vertrauen, erhielt im Verlauf der Finanzkrise ein dickes Fragezeichen. Der Lehmann-Crash und die darauf einsetzende Vernichtung von Vermögen in großem Stil bis hin zur heutigen Lage der Euro-Zone basiert letztlich auf nicht bedientem oder nicht mehr bedienbarem Kredit. Das betrifft sowohl Geschäfts- als auch Staatsschulden. Aus Sicht der Finanzakteure ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich der Schuldenüberhang einzelner Staaten durch nationales Wachstum und vermehrte Steuereinnahmen ausgleichen lässt. Also wird Geld umgeschichtet, nach neuen Anlagensphären gefahndet oder gegen den Euro spekuliert, um daraus vielleicht das ein oder andere Plus zu ziehen. Die Ratingagenturen sind im Fall von Staatshaushalten eigemtlich nichts anderes als volkswirtschaftliche Bonitätsprüfer, die den Investoren Rahmendaten liefern.

Kommen wir zurück auf die Hausmeister und die Milliardenbeträge, die sie hin- und herschieben. Es geht dabei ja nicht nur um Liquidität und Zahlungsfähigkeit, sondern hauptsächlich um Sicherheiten für Geldbesitzer und Kreditwirtschaft.

Ein besicherter Geldumlauf ist die notwendige Voraussetzung für funktionierende Geschäftsmodelle. Das eigenartige dabei ist allerdings, dass bei erfolgreichem Geschäftsverlauf niemand danach fragt, ob dieser mit Schuldtiteln oder Eigenkapital angestoßen wurde. Im Gegenteil. Der kreditfinanzierte Anteil am Wachstum liegt bei nahezu 100 Prozent, Eigenkapital ist lediglich ein marginaler Sicherheitspuffer. Was Politik, Notenbank und Bankenaufsicht machen ist der Versuch, mit enormen Summen die Vertrauensbasis in das Kapitalmarktgeschäft wieder herzustellen. Der ökonomische Sachverstand fühlt sich dabei keineswegs beleidigt. Denn ohne Bad Banks und frischer Kreditausstattung wäre der Wirtschaftskreislauf überhaupt nicht wieder in Gang gekommen. Die Bedrohung durch Konkurs großer Bankhäuser und damit verbundener Kettenreaktionen ist wegen der Höhe der Schulden, die in den Büchern schlummern, ausreichend, um eine ganze Volkswirtschaft aus dem Tritt zu bringen.

Wenn es um die Absicherung von Geldwert, Anleihen und anderen Wertpapieren geht ist das nicht nur eine finanztechnische Frage. Denn die milliardenschweren Bürgschaften für notleidende Staaten bedeuten eine politische Belastung der Unionspartner. Um den Wert von Staatspapieren eines als kreditunwürdig eingestuften Staates zu garantieren, müssen finanzstarke Staaten ihren eigenen Haushalt überziehen. Das kommt eigentlich einer Umschichtung von Schulden der schwachen EU-Mitglieder auf die noch geschäftsfähigen EU-Staaten gleich – und schwächt deren Haushaltslage. Geht der Schuss nach hinten los?

Das kann man so sehen. Streng genommen widerspricht so ein Rettungsplan allerdings der ökonomischen Logik. Wenn Staaten mit intakter Geldversorgung die Schulden von anderen Staaten übernehmen, deren Kreditwürdigkeit in Frage steht, konterkarieren sie die Risikobewertung durch die Investoren. Die Probleme potenzieren sich sogar, denn um die Wertstabilität von Anleihen, Geld und anderen Finanzprodukten zu erhalten, müssen sie entwertet werden. Wie soll das gehen? Das Schuldenstreichen bedeutet nun mal Verlust mit den damit verbunden Turbulenzen. Jeder Geschäftsmann versucht das zu vermeiden.

Burning Platforms – Wie lassen sich Altsysteme in neue Systemwelten migrieren

Wenn die Betriebskosten für alte Rechnerplattformen aus dem Ruder laufen, steht der Systemwechsel ins Haus. Doch was tun mit den Alt-Anwendungen?

Die Parkbank, die früher mal eine Aludose war, gibt es in der IT-Welt nicht. Jeder IT-Leiter weiß, dass die Rechnersysteme ein Verfallsdatum haben. Doch es gibt Software-Recycling, das alten Programmcode in eine neue Technologieumgebung verpflanzen kann und damit die bewährten Geschäftslogiken einer funktionierenden Organisation auch in Zukunft am Leben erhält.

Wer seine betagten Computer nicht im Griff hat, bekommt Ärger. Klare Anzeichen sind häufig auftauchende Performance-Probleme sowie steigende Instandhaltungs- und Wartungskosten der schwächelnden Plattform. Neue Speichersysteme, eine breitbandige Netzinfrastruktur sowie eine große Anzahl an sehr leistungsfähigen x86-Rechnern verändern die Systemlandschaft in immer kürzeren Zeitabschnitten. Die Schicksalsfrage lautet: Migrieren oder neu entwickeln?

Burning Platforms sind in Großkonzernen und Rechenzentren keine Seltenheit. Betagte Legacy-Systeme gibt es beinahe in jedem Rechenzentrum. „In den Mainframes stecken sehr hohe Investitionen“, weiß Migrationsspezialist Ernst Schierholz, Geschäftsführer der der Hamburger IT Modernisation UG, „deshalb überlegt jeder sehr genau, ob er überhaupt umsteigt.“ Häufig sträuben sich IT-Verantwortliche dagegen, die altgedienten Computerboliden einfach vom Netz zu nehmen und moderne, aber weniger bewährte Rechentechnik einzusetzen. Mancher Administrator schwört im kaufmännischen Umfeld gar auf die alten Cobol-Programme oder Assembler-Code, selbst wenn der Modernisierungsdruck durch Internet, Desktop Computing, Virtualisierung und Cloud-Computing wächst: „Viele Anwendungen laufen auch nach 20 Jahren noch sehr stabil“, betont Schierholz.

Grundsatzfragen begleiten IT-Administratoren ihr Berufsleben lang. Intel-Server und PCs mit Windows oder Modernisierung der alten Unix-Maschinen mit Desktop-Terminals, neue IBM-Rechner oder Blades von Hewlett Packard, eine Java-Plattform mit Cloud-Umgebung oder Client/Server-Architektur mit Apache-Server? Es gibt mehr als 8500 Computersprachen und in jedem größerem Unternehmen existieren meist mehrere Tausend Einzelprogramme, die technisch gesehen eine Mischung aus Standard- und selbstprogrammierten Spezialanwendungen bilden. Eine Neuprogrammierung der gesamten Code-Basis eines Unternehmens würde im Schnitt 20 Mannjahre verschlingen und Kosten von rund einer Million Euro verursachen.

Modernisierungsdruck bei knappen Budgets

Solche Kostenblöcke sind in Zeiten knapper IT-Budgets kein Pappenstiel. Doch beliebig weit von sich schieben kann man Migrationsentscheidungen nicht. Einer aktuellen Experton-Studie zufolge haben knapp 60 Prozent der Unternehmen mit mehr als 100 PC-Arbeitsplätzen eine fünf Jahre alte Version einer Office-Software im Einsatz. Das führt nach Ansicht von Axel Oppermann, Senior Advisor bei der Experton Group, zu „qualitativ schlechten Arbeitsprozessen, langen Durchlaufzyklen und einer geringen Flexibilität.“ Marode IT-Systeme sind der Bremsklotz für Geschäftsabläufe, die im Extremfall sogar die Arbeit der Gesamtorganisation beeinträchtigen.

Was aber tun? Experton empfiehlt eine schonungslose Revision der IT-Infrastruktur sowie eine gründliche Prüfung der vorliegenden Lizenz- und Nutzungsverträge. Aktuell verpassen Unternehmen, die auf Systeme aus den Jahren 2003 bis 2007/2008 setzen, die Innovationssprung neuer Entwicklungen. Dazu rechnet Experton die organische Verankerung wissensbasierte Arbeitsmodelle oder den Einzug moderner Instrumente und Methoden für Kollaboration, Reporting oder Analysen.

Ein anderer Weg heisst Standard-Software. Doch auch in diesem Fall sollten sich Entwickler nicht von den schöngefärbten Nachrichten aus den Marketingabteilungen beeindrucken lassen. Es gibt nämlich Werkzeuge und Spezialisten, die alte Cobol-Anwendungen sicher auf neue Intel-Server und x86-Desktops migrieren. Bekannteste Softwareschmiede hierfür ist Micro Focus. Mit der jetzt veröffentlichten Cobol-Plattform Visual Cobol R3 von Micro Focus lassen sich Cobol-Programme auch auf der Java Virtual Machine (JVM) oder in Microsofts Cloud-Infrastruktur Windows Azure einsetzen. Die Entwicklungswerkzeuge können mit Web-basierten Services ebenso umgehen wie mit Unix und Linux oder dem Microsoft Framework .Net.

Fortschritt mit Bewährtem

Zur Vermeidung von bösen Überraschungen empfiehlt Berater Schierholz, nicht vorbehaltlos den Lockrufen moderner Java-Gurus wie Oracle oder IBM zu folgen. Die Cobol-Anwendungen gehören in vielen Großsystemen keineswegs zum alten Eisen. Etwa 200 Milliarden Zeilen Code, so schätzt Schierholz, gibt es heute noch weltweit und jährlich kommen weitere fünf Milliarden neue Zeilen hinzu. Doch nicht alles, was Programmierer in den letzten 30 Jahren auf die Beine gestellt haben, ist bei Computernutzern und Systemadministratoren auf Gegenliebe gestoßen. Vor allem schufen die Codierprofis im Laufe der Zeit eine heterogene Systemlandschaft, deren Innenleben von Jahr zu Jahr komplexer und unübersichtlicher wird. Kein Wunder, dass längst totgesagte Programmiertechniken munter weiterleben. Ein Ende des Streits um die beste Plattform mit der richtigen Anwendung ist noch längst nicht in Sicht.

Riots ohne Ende

10-08-2011 – Pure Kriminelle, getrieben von der blanken Lust an Zerstörung, so die offizielle Lesart, die der englische Premier David Cameron der Weltöffentlichkeit mitteilt. Dazu das Aufstocken der Polizeikräfte auf 16 000 Mann allein für London mit der Anweisung, die Ordnung in den Stadtvierteln wieder herzustellen. Das war´s denn auch. Die randalierenden Jugendlichen, die über die Stränge schlagen, erhalten eine Lektion in Sachen öffentlicher Ordnung und Respekt vor Eigentum. Und während Strafverfolger unter dem Beifall der Öffentlichkeit Jagd auf Randalierer machen, planen die Sicherheitsbehörden schon die nächsten Maßnahmen: Mehr Kontrolle der Elendsviertel und der sozialen Netzwerke, vielleicht auch Aufstockung der Gefängniskapazitäten und Überprüfung der gesetzlichen Handhabungen.

Die Aufräumarbeiten an der Basis treffen Jugendliche, die nichts zu Lachen haben. Drastische Sparprogramme verschärfen den täglichen Überlebenskampf, der immer aussichtsloser wird. Kaum mehr vorhandene Jobangebote bei ständig sinkendem Einkommensniveau. Auf einen Gutverdiener kommen hunderte mäßig bis schlecht bezahlte Mitarbeiter, die volle Leistung bringen müssen, um nicht ganz raus zu fallen. Dazu ein sich vergrößernder Bodensatz an Ausgemusterten, denen nicht nur die Lebensperspektive abhanden gekommen ist, sondern die gar nicht so richtig in Tuchfühlung mit einem geregelten Arbeitsleben gekommen sind – und wahrscheinlich auch nie kommen werden.

„Wir holen uns, was uns zusteht“, soll ein Kapuzenaktivist gesagt haben. Dann ging es los, um Elektronikläden zu stürmen oder das Schuhlager einer Verkaufskette zu plündern. Im Land des Punk und der No-Future-Generation standen plötzlich auch Autos und Häuser in Flammen. Das alles erinnert an die Krawalle in den Pariser Banlieus oder die Ausschreitungen in Athen. Aber auch an Hooligans aus der Südkurve oder vandalisierende Gruppen auf Bahnsteigen, Rummelplätzen und in Zügen. Mehr als ein Ventil um Wut abzulassen ist das nicht, aber ein Hinweis auf sehr unzufriedene Kreise der Bevölkerung.

Einfach zu nehmen, was man braucht ist natürlich ein schwerwiegendes Missverständnis in einer Gesellschaft, die zwar Überschüsse an Waren kennt, den Zugang dazu aber über Geld regelt. Pech für denjenigen, der keines hat und schrankenlose Freiheit für andere, die genügend davon haben. Wer ein Handy mitgehen lässt ohne an der Kasse zu bezahlen ist ein Kleinkrimineller. Wer darüberhinaus noch die Scheibe einschlägt und die Ladeneinrichtung zertrümmert gibt sich als handfester Krimineller zu erkennen. Ihn trifft die Wucht des öffentlichen Rechtsempfindens, der moralischen Empörung und die auf den Fuß folgende polizeiliche Verfolgung zur Wiederherstellung verletzter Gebote.

Soweit bewegt sich Aktion und Reaktion auf eingeübten Wegen. Was unter den Tisch fällt ist der Ausgangspunkt für den Kapuzenmann. Der kommt mit seiner martialischen Tour nie und nimmer an die schönen Dinge, die er so gern haben will oder von denen er meint, dass sie zu einem normalen Leben einfach dazugehören. Stattdessen übersieht er die Kleinigkeit, dass er sich an fremdem Eigentum und den Interessen, die der rechtmäßige Eigentümer damit verbindet, vergeht. Um teilnehmen zu können am gesellschaftlichen Leben und an den schönen Sachen, die das Leben so lebenswert machen, muss er den Umweg über das Geldverdienen beschreiten oder qua Elternhaus über eine ordentliche Apanage – der monatliche Sozialhilfescheck reicht nicht – verfügen.

Natürlich liegt es an ihm, wenn er die Sache nicht auf die Reihe bringt und aus der Reihe tanzt. Auch wenn er die Verhältnisse so nicht eingerichtet hat – bewegen muss er sich darin, wie jeder andere auch. Sucht er andere Wege, gibt es nur die schiefe Bahn. Dort tummeln sich alle möglichen Existenzen vom betrügerischen Nadelstreifenträger bis zum Paradiesvogel, ordinären Knacki bis zu mafiösen Rotlicht-Königen. Hält der Kapuzenträger nicht viel von dem eher traditionell geprägten Milieu gibt es noch die Drogenszene mit den unangenehmen Begleiterscheinungen gesundheitlicher Gefährdung und seelisch wie körperlichen Niedergang. Auch dort dreht sich alles ums Geld schon wegen dem regelmäßigen Nachschub und der teuren Beschaffung.

Allerdings ist es eine falsche Schlußfolgerung der aufmüpfigen Straßenkämpfer, zu meinen, es stehe ihnen etwas zu, das sie sich bei Verweigerung einfach nehmen. Die Spielregeln, wie man sich aufzuführen hat, sind längst festgelegt und haben Verfassungsrang. Der Rahmen, in dem der Punk sich bewegen darf und in dem er sich zu bewähren hat ist vorgegeben, selbst wenn es manchmal den Anschein des Gegenteils hat. Vielleicht macht das dem Kapuzenmann so zu schaffen, dass er ausrastet. Ganz sicher aber ist er kein verantwortungsloser Faulpelz, der vor lauter Anspruchsdenken vergisst zur Arbeit zu gehen. Wohin auch?

Unterdessen verfestigt sich das Bild von den marodierenden Banden in London, Liverpool und Birmingham zu dem, was immer zu hören ist, wenn Looser am Werk sind: Die Sozialproteste sind ordnungsmissachtende Eingetumsdelikte und damit undemokratische Umtriebe. Auf diese Sicht zieht sich in der allgemeinen Wahrnehmung alles zusammen, untermalt von den brennenden Häusern, gröhlenden Jugendlichen und hilflosen Polizisten. Die Regierungen ziehen durch, was sie für nötig halten und die Gesellschaft hofft, dass alles gut geht oder mobilisiert Bürgerwehren samt national gestimmten Gegenaktivisten. Störungen aus der Unterschicht sorgen zwar für Aufregung, aber das sind ja ohnehin Abgekoppelte, die es wegen ihrem brandschatzenden Aufruhr in die Nachrichten geschafft haben.

ROI – ein Nachweis der dritten Art

Aufwands- und Kostenreduktion, schneller, nachweisbarer ROI, modifikationsfreie Lösung, Verkürzung der Durchlaufzeiten – zusammen ergibt das eine Revolution und zwar in der Eingangsrechnungsverarbeitung. Das behauptet zumindest die Marketingabteilung eines Softwareanbieters. Das Erdbeben mag einen Buchhalter vor dreißig Jahren erschüttern – heute beeindruckt das niemand mehr. Wenn 50 000 Rechnungsseiten pro Jahr teilautomatisiert durch die EDV jagen, bekommt lediglich der Systemadministrator mitunter feuchte Hände und zwar immer dann, wenn Bearbeitungstools fehlerbehaftete Rechnungen durchschleusen oder das Capture-Tool partout Datumsfeld und Adressfeld verwechselt.

Der Return On Investment (ROI) ist eine standhafte Größe und befruchtet viele Verkaufsgespräche auch und gerade in der Welt der Informationstechnik. 40 Prozent Aufwands- und Kostenreduktion steht im Referenzbericht eines Automobilzulieferers. Kennzahlen sind das betriebswirtschaftliche Spielzeug mit denen sich Gewinn und Verlust, Erfolg oder Niederlage, Wachstum oder Stagnation feststellen lässt. Die ROI-Berechnung ist dabei die beliebteste Übung, denn sie drückt grundsätzlich eine Unschärfe aus: Die Maßzahl für den Erfolg einer Investition enthält den prognostizierten Rückfluß des ausgegebenen Kapitals innerhalb einer bestimmten Zeitdauer.

Genau genommen lässt sich der ROI gar nicht im voraus berechnen. Denn der Unternehmer kann seine Nettorendite erst ermitteln nachdem das Geld ausgegeben wurde und er sich damit am Markt durchgesetzt hat. Und schon wieder stoßen wir auf eine eigentümliche Schwäche der Kennzifferntüftelei: Die Rendite berechnet sich aus dem Umschlag des gesamten im Unternehmen gebundenen Kapitals. Schließlich verdient der Automobilzulieferer sein Geld nicht mit digitalisierten Geschäftsprozessen sondern mit Bremszylindern oder Einspritzpumpen.

Es gibt folglich verschiedene Methoden zur Berechnung des ROI. Je nachdem wie weit man die Zeitachse spannt und den Break Even finanzmathematisch ansetzt, ergeben sich ganz unterschiedliche Kennziffern. Während die klassische Rechnungsweise die gesamte Nutzungsdauer einer Anschaffung betrachtet und den Planungshorizont entsprechend langfristig ansetzt, gehen IT-Buchhalter von wesentlich kürzeren Verfallszeiten der Hard- und Software aus. Brummen die Geschäfte, vermag eine moderne, gut gewartete IT-Infrastruktur den Weg zu mehr Umsatz zu ebnen – an den Schalthebeln sitzen aber immer noch die Mitarbeiter, die entscheiden welches Kundenbedürfnis wie befriedigt wird.

Beim Personal allerdings wirken die Kennziffern verheerend. Wenn Gehaltskosten gegen Technikkosten aufgerechnet werden, steht der Angestellte allemal im Regen. Als Kostenfaktor muss er sich messen lassen an IT-Systemen, die tatsächlich vieles schneller und effizienter erledigen. Welche Kosten rentieren sich denn nun – der Posteingangsscanner samt damit verbundener EDV und vernetzter Datenbanken oder das Sekretariat mit den krankheitsanfälligen Mitarbeitern. Zur Beantwortung dieser Frage ziehen viele Unternehmen ganz gern den ROI zu Rate.

Nachtrag zu Geist & Macht

15.04.2011 – Die Guttenberg-Story ist zwar noch am Laufen, aber ein Ergebnis ist festzuhalten: Das Amt ist weg und die Schäden können sich sehen lassen. Die Eloquenz und der Charme des Adligen haben den betreuenden Doktorvater Peter Häberle derart aus dem Konzept gebracht, dass die Süddeutsche Zeitung dem Professor gleich eine Seite 3 einräumt und einen ausgewiesenen Vorzeigereporter (Heribert Prantl) auf Spurensuche schickt.

Das Ergebnis lässt sich knapp zusammenfassen: Der Rechtsgelehrte steht fassungslos vor dem größten Täuschungsmanöver, das ihm in seiner Laufbahn als hochdekorierter Wissenschaftler untergekommen ist.

Der biedere Rechtsexperte, den Prantl als „Polyhistor“ und „Genius Universalis“ bezeichnet, hat mit wissenschaftlich geschultem Verstand dem frisch gebackenen Bundestagsabgeordneten das summa cum laude umgehängt. Für eine Leistung, die aus dem Zusammenfügen von Textbausteinen aus allen möglichen Quellen besteht. Mit Wissenschaft hat das Aneinanderreihen von Suchmaschinenergebnissen nichts zu tun. Für was aber hat Peter Häberle den Herrn zu Guttenberg denn ausgezeichnet – diese Frage ist bislang ungeklärt.

Fest steht, der „Weltgeist“ hat sich von einem aufstrebendem Politiker auf´s Kreuz legen lassen. So einfach ist das, wenn sich der politische Durchsetzungswille den passenden Auftritt samt dazugehöriger charakterlicher Maskerade zulegt und damit jeden Zweifel an der eigenen Integrität als Macher und Denker ausräumt.

Die Frage, was Geist & Macht zusammenbringt, wer im Kollisionsfall unterliegt und wie sich das Verhältnis von Politik und dem Rest der Welt darstellt, ist noch nicht beantwortet. Vielleicht ist es mühsig darüber nachzudenken, vielleicht fällt anderen dazu was passendes ein. Immerhin sind sich Spitzenvertreter zweier nicht ganz unwichtiger gesellschaftlicher Bereiche begegnet und haben gezeigt, was sie voneinander wollen. Vorsichtig ausgedrückt: Der eine den akademischen Orden, der andere ein bisschen Glamour aus den Reihen der herrschenden Eliten.

Die Zellingenieure formieren sich

Das Herstellen von biologischem Gewebe oder Knochen ist keine leichte Aufgabe. Doch die Nachfrage nach Tissued-Engineering-Produkte steigt. Gefragt sind neue Bioreaktoren und Fertigungsequipment.

Weltweit laufen die Aktivitäten rund um die Stammzellenforschung und die In-vitro-Zellvermehrung auf Hochtouren: „Der schnelle Transfer von wissenschaftlichen Ergebnissen in die industrielle Entwicklung und kommerzielle Umsetzung ist entscheidend für neue Therapien und den medizinischen Erfolg“, konstatiert Scott P. Bruder, Senior Vice President and Chief Technology Officer bei dem US-Unternehmen Becton Dickinson & Co auf einem Symposium der US-National Science Foundation. Zwar steckt die Bioproduktion von Zellen, Haut, Knochen oder ganzer Organe noch in den Kinderschuhen, aber der Ruf nach leistungsfähigen Werkzeugen und automatischen Verfahren ist lauter denn je: „Sowohl beim Life-Science-Monitoring von lebenden Präparaten als auch beim Proben-Scanning gibt es einen deutlichen Schub in Richtung Prozessautomatisierung“, betont Abteilungsleiter Jan Stallkamp vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA.

Hoher Erwartungsdruck

Der Erwartungsdruck bei Ersatz von erkranktem Gewebe und der Unterstützung gestörter Organfunktionen ist hoch. Rund 230 Millionen Euro hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in den letzten Jahren in die Forschung gesteckt, darunter 38 Millionen Euro in das Tissue Engineering. 15 Millionen Euro flossen in industrielle Verbundprojekte mit dem Ziel, Produkte und Therapieverfahren auf dem Feld der Regenerationstechnologien voranzutreiben und Defizite bei ihrer Herstellung zu beseitigen.
Neue Bioreaktoren und bessere Fertigungstechnik ist gefragter denn je, denn es gibt keine wirtschaftlichen Standardverfahren für den Umgang mit Zellkulturen und ihrer Vermehrung im Labor. Tissue Engineering fertigt aus körpereigenen Zellen ein lebens- und funktionsfähiges Implantat, das zerstörtes Gewebe oder Knochenteile ersetzt und im Körper mitwächst. Trägermaterial und Zellen benötigen dabei optimale In-vitro-Bedingungen, um zu verwendbarer Haut, Gelenkknorpel oder Knochenersatz heranzuwachsen. Meist sind es Forschungsinstitute oder Großkliniken, die in ihren Labors erste Produktionskapazitäten aufgebaut haben. Im Biopolis-Labor des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts IPA beispielsweise steht auch eine Gewebefabrik, die vollautomatisch dreidimensionales Hautgewebe konstruiert und züchtet. Das Institut will in diesem Jahr die Produktion soweit hochfahren, dass monatlich rund 5000 Hautkonstrukte zu einem Preis von rund 34 Euro pro Stück gefertigt werden können.

Herzklappen aus Nabelschnurzellen

Schwieriger ist es, Gewebe mit Blutgefässen zu züchten oder lebensfähige Organe. Am Deutschen Herzzentrum in Berlin haben Wissenschaftler eine Methode entwickelt, um in einem Bioreaktor aus Nabelschnurzellen von Neugeborenen Zellverbände für biologische Herzklappen zu gewinnen. Durch das Drehen der Besiedelungseinheit in verschiedene Richtungen ist es möglich, die Zellen gleichmäßig auf ein Trägermaterial aufzubringen und das Wachstum positiv zu beeinflussen. Dabei kommt es darauf an, dass so genannte Matrixproteine entstehen, die sich fortpflanzen und zum Ausgangsprodukt für wachstumsfähige Herzklappen werden.
Herstellungslizenzen für die Produktion von Reperaturzellen für erkrankte Körperteile gibt es im EU-Raum erst wenige. Die in Michigan ansässige US-Company Aastrom Biosciences erhielt für ihr Knochenregenerationsprogramm über eine hundertprozentige Tochtergesellschaft in Berlin eine Lizenz für die unternehmenseigenen Tissue Repair Cells (TRCs). Die Produktionsanlage wurde in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart realisiert. Das Fraunhofer IGB verfügt über Labore zur Herstellung von autologen Transplantaten, die den Richtlinien des Good Manufacturing Practice (GMP) entsprechen. Ein Pluspunkt, der eng mit dem Erfolg von biologischen Produktionsstätten verknüpft ist: „Ohne Prozess-Validierung und -Monitoring mit qualifizierten Geräten unter Einhaltung europäischer Richtlinien gibt es keine Garantie für die Qualität und Sicherheit der Produkte“, sagt Professor Heike Walles, Abteillungsleiterin für Zellsysteme am Fraunhofer-Institut IGB. Das Suttgarter Institut hat bereits die Herstellungserlaubnis für ein autologes Knorpel- sowie für ein autologes Stammzelltransplantat.

Hohe Kontaminationsgefahr bei Zellproduktion

In Teltow residiert die Aktiengesellschaft Co.don die ihr Pharmaziegeschäft mit zellbasierten Medikamenten um Tissue Engineering-Produkte für Gelenkknorpelimplantate und Bandscheiben erweiterte. Vor allem investierte die Company in eine selbstentwickelte Isolatorentechnologie, die das Kontaminationsrisiko von zellbasierten Implantaten im Reinraum entschärft. Da körpereigene Zelltransplantate wärmeempfindlich sind, lassen sich keine Sterilisationsverfahren zur Abwehr von Verunreinigungs-  und Kontaminationsgefahren einsetzen. Co.don verlegt deshalb die komplette Ausrüstung  für die Transplantatherstellung und Qualitätskontrolle in einen eigenen Isolator innerhalb des Reinraums.
Zusammen mit Partnerunternehmen will der Laborausrüster Köttermann in Niedersachsen ein Musterlabor zur Herstellung von bioartifiziellem Gewebe entwickeln, dass sich für die wirtschaftliche Produktion von Herzklappen oder Knochengewebe eignet. Das Biotechnik-Labor ist speziell auf die Aufgaben des Tissue Engineering zugeschnitten und setzt auf neu angepasste Bioreaktoren sowie eine GMP-zertifizierte Produktion von Geweben.

Geist & Macht

- 18.02.2011 – Der Verteidigungsminister verhält sich genau so, wie der erfahrene Rechtsanwalt bei Entdeckung einer möglichen Regelwidrigkeit empfiehlt: Den Plagiatsvorwurf energisch zurückwiesen und andeuten, dass vielleicht Missverständnisse den Eindruck hervorrufen, dass bei der Doktorarbeit etwas schief gelaufen sei. Damit der Fleck auf der weißen Weste nicht zu große wird, den Titel – als ein kleines Zugeständnis an die Gegenseite – vorübergehend auf Eis gelegt. Das wars. Vielleicht kurz noch ein wehmütiger Gedanke an die akademischen Meriten, die so gut zur Karriereplanung und zum Adelstitel passen – aber den kann ja nicht einmal ein Gericht streichen.

Warum ein erfolgreicher Politiker die akademische Zierde sucht und dabei darauf verfällt, eine wissenschaftliche Arbeit mit fremden Gedankengut ohne Quellenangabe praktisch nebenbei zu verfassen, ist seltsam. Entweder hält der Mann wissenschaftliches Nachforschen und Analysieren ohnehin für überflüssig, weil es nur Zeit kostet und – außer dem Titel – nichts Verwertbares für den Job einbringt. Oder er braucht Argumentationshilfe, die es schnell und seitenfüllend per Mausklick im Internet gibt. Vielleicht gehört so ein Vorgehen zur Pragmatik eines vielbeschäftigten Leistungsträgers, der es gewohnt ist Aufgaben zu delegieren und sich die gewünschten Resultate auf den Schreibtisch legen zu lassen, auch wenn sie manchmal etwas spät eintrudeln, wie beim Luftschlag des Oberst Klein nahe Kundus.

Zweifel an den intellektuellen Fähigkeiten des Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg indes  sind aus der Luft gegriffen. Das entkräftet einmal der Lebenslauf, der zwar gradlinig aber nicht ganz ohne Stolpersteine direkt in die Führungsetage der Republik führt. Zum anderen ist der Terminplan des Außenministers sehr eng beschnitten, so dass der ruhigen Entfaltung wissenschaftlicher Gedanken und schlüssiger Argumentationslinien neben dem aufreibenden Alltagsgeschäft schlicht die Zeit fehlt. Der Dienst am Vaterland und das richtige Timing für die Einsatzbefehle der Truppe degradiert doch eine Dissertation, bei allem Respekt, zur schöngeistigen Sonntagsübung.

Schwerwiegender ist die Stellung zum wissenschaftlichen Arbeiten und der Verbindung von Geist und Macht. Offenbar schätzt der Amtsinhaber im Verteidigungsministerium am Wissenschaftsbetrieb eines: die Strahlkraft eines professoral beglaubigten Ehrentitels. Auf akademisches Wissen kommt es in der Politik nicht an, wie die Süddeutsche Zeitung bemerkt. Das heisst nicht, dass Machtinhaber nicht denken. Im Gegenteil, sie analysieren die Lage, bewerten die vorhandenen Mittel und entscheiden ganz praktisch. Hier geht’s lang, dort wollen wir hin, jetzt aber los. Dafür ist eigentlich nicht mal ein Abitur erforderlich. Trotzdem schmücken sich gern eine ganze Reihe von Politikern mit den Weihen einer Universitätsausbildung. Offenbar fühlt sich in der politischen Arena mancher wohler, wenn er beim Erklimmen der Karriereleiter ein Uni-Zertifikat in der Schublade hat – egal wie man es kriegen kann.

Als pikanter Nebeneffekt des ministeriellen Vorgehens ist die Universität Bayreuth selbst in die Löwengrube gefallen. Die Professoren zeichnen die Arbeit des Freiherrn mit einem „summa cum laude“ aus und adeln damit gleich Textpassagen mit, die aus Zeitungen oder einem Reiseführer stammen. Wissenschaft auf der Höhe der Zeit oder Qualitätsverlust bei der geistigen Elite?

Die Welt des Thilo Sarrazin

- 31.08.2010 – Die öffentliche Empörung schlägt hoch, doch der ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank bleibt cool. Kein Wunder, denn diese Aufmerksamkeit lässt jedes Verlegerherz höher schlagen und verschafft einem Buchautor jene Publicity, die er als erfolgsgewohnter Topmanager und Ex-Politiker erwartet. Sarrazin gehört zur Elite dieses Landes und bilanziert von dieser Warte aus. Ein kluger Kopf, der sich nur etwas verrannt hat, wie manche Kommentatoren bereits anmerken. Tatsächlich breitet der Banker nur seine Sorge um etwas aus, das jedem vertraut, ja auch ein Herzensanliegen ist: Deutschland ist in schlechter Verfassung und verliert ständig an Gewicht nach innen wie außen.

Auf der Suche nach den richtigen Talenten

Das lässt einen Elite-Mann modernen Zuschnitts nicht kalt. Denn auf Schwäche gibt es nur eine Antwort: Kräfte bündeln, Handbremse lösen und Gas geben. Da es sich aber nicht um die Fußballnationalmannschaft handelt, sondern um die staatlich organisierte Gemeinschaft, fällt das Fitnessprogramm etwas anders aus. Auf dem Prüfstand steht nämlich die gesamte Bevölkerung. Und siehe da, die Bevölkerung zerfällt in unterschiedliche Teile mit gegensätzlichen Interessen, Neigungen und Bedürfnissen. Wie aber lässt sich in dieser konfliktträchtigen Melange eine homogene Kraft für das Rettungsprogramm Deutschland entdecken? Wer als Manager Personalverantwortung trägt, weiß auch jetzt Bescheid: Leistungswille und Motivation müssen stimmen.

Knallhartes Auswahlverfahren

An dieser Stelle setzt Sarrazin ein Auswahlverfahren in Gang, das ein rechtsnationales Rekrutierungsbüro zur Bestandserhaltung germanischer Widerstandskraft nicht besser machen könnte. Kurz gefasst: Eine überzeugende Leistung für Deutschland bringt doch nur ein waschechter Deutscher zustande. Genau dieser aber ist in der Welt des Thilo Sarrazin ein knappes Gut, denn er hat sich von ausländischen Elementen vertreiben lassen. Tatsächlich untermauert der Banker aus Frankfurt seinen Deutschlandwahn mit rassistischen Versatzstücken aus dem vorigen Jahrhundert und krönt seine Auffassung mit der Behauptung, ein derart geschwächter Staat mit rassischer Fehlbesetzung kann nur eines: Sich selbst abschaffen.

Dass ein Elite-Banker in der noch aktuellen Finanzkrise das Szenario einer Selbstenthauptung weiterpflegt, spricht nicht gerade für den klaren Blick auf die wirklichen Verhältnisse. Das sieht eher nach einem Sammelbecken für deutschgestimmte Karrieristen aus, die Schwarz-rot-goldene Fahnen hissen, ihre Kräfte bündeln, die Handbremse lösen und vielleicht dereinst zur Parteigründung schreiten.

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